Der Kaiser und der Tod

Bild der 40. Woche - 2. bis 9. Oktober 2000

Detail aus Steinabreibung eines Grabreliefs mit der Darstellung des Attentatsversuchs des Jing ke auf Shi Huangdi, dem ersten Kaiser (reg. 221-210 v. Chr.) der Qin-Dynastie, 80 x 64 cm, China, späte Ost-Han-Dynastie (25-220 v. Chr.); Museum für Ostasiatische Kunst, Inv. Nr. S 11
 

Die mittlere Passage der Steinabreibung, deren Herstellung und Erwerbung Frieda Fischer im letzten Bild der Woche schilderte, stellt in einer turbulenten Szene den legendären Attentatsversuch von Jing Ke auf König Zheng, dem späteren Ersten Kaiser (Chin.: Qin Shihuangdi) im Jahre 227 v. Chr. dar. Die fast identische, allerdings gespiegelte Szene findet sich auch auf einem anderen Steinrelief der Han-Dynastie (kleines Bild). Der Ablauf des Attentats ist mit Hilfe der zweiten Darstellung gut rekonstruierbar: In einer hölzernen Kiste wird König Zheng, der einen runden Jadering in der Hand hält, der Kopf eines Menschen überbracht. Angeblich ist es der Kopf eines untreuen Generals. Durch eine Federmechanik schnellt beim Hochnehmen des Deckels ein Schwert heraus, das von einem der Leibwächter mit dem Schild abgewehrt wird. Ein anderer Leibwächter überwältigt den Attentäter. Jing Ke wurde anschließend hingerichtet. Sein Auftraggeber, Prinz Dan von Yan, der den "Tiger von Qin", den gefährlichsten der untereinander zerstrittenen Feudalfürsten, hatte beseitigen wollen, mußte nach der Eroberung der Yan-Hauptstadt in den Norden fliehen. Sechs Jahre später hatte König Zheng alle anderen Feudalstaaten erobert und China damit unter seiner Herrschaft geeint. Er ernannte sich selbst zum Ersten Kaiser, Shihuangdi (259-210 v. Chr., reg. 221-210 v. Chr.). Mit der für ihn typischen Radikalität ließ der erste historische Kaiser Recht, Sprache, Schrift ("Kleine Siegelschrift"), Maße, Gewichte, Münzwesen, Spurbreite für Wagen etc. reformieren. Er begann mit dem Bau der Großen Mauer zum Schutz gegen die Reiternormaden. Seine umfassenden Reformen setzten unwiderruflich den Grundstein für die zentralisierte monarchische Ordnung mit bürokratischem Verwaltungssystem, die bis 1911 Bestand hatte. Es war natürlich nicht das einzige Attentat auf diesen durch seine rücksichtslose und gewaltsame Reformpolitik beim entmachteten Feudaladel verhaßten Kaiser. Diese Attentate verstärkten verständlicherweise seine überlieferte manische Todesfurcht. Er suchte immer verzweifelter nach dem sagenhaften "Elixier der Unsterblichkeit". Nach alter Überlieferung sollte das Kraut der Unsterblichkeit auf den legendären Inseln der Seeligen im Ostchinesischen Meer zu finden sein. Dorthin sandte der Kaiser eine Flotte auf Expedition aus. Er wartete noch kurz vor seinem Tod im Osten Chinas auf ihre Rückkehr. Trotz aller Hoffnung auf Unsterblichkeit hatte er mit dem Bau seiner letzten Ruhestätte bereits sehr früh begonnen, vermutlich kurz nach der Besteigung des Qin-Königthrons im Alter von 13 Jahren. Seine weltberühmte Terrakotta-Armee, die durch einen Zufall 1974 entdeckt wurde, und nur einen Kilometer westlich vom Mausoleum stationiert ist, bewacht seine Grabanlage. Das gut geschützte und noch ungeöffnetes Mausoleum ist eine gigantische, unterirdische Palastanlage von zwei Quadratkilometern, auf deren Schätze wir gespannt sein können.

B. Clever