Zu Ehren der Landesmutter

Bild der 37. Woche - 11. bis 18. September 2000

Detail eines Zwölfteiligen Stellschirm, Holz, Kreideschicht mit Schwarzlacküberfang, Dekor schnitzt und mit Farben bemalt (sog. Koromandellack), H. 285 cm, B. 690 cm, China, Qing-Dynastie, frühe Kangxi-Ära, um 1672, Inv. Nr. E 1
 

Wiederholt haben wir Ihnen an dieser Stelle Auszüge aus dem Tagebuch von Frieda Fischer (1874-1945) vorgestellt, die sich auf Werke beziehen, die von ihr und ihrem Mann dem Museum für Ostasiatische Kunst gestiftet wurden. So auch heute ein Text zum Erwerb eines chinesischen Wandgetäfels. "Ein Privatmann führte uns in sein Haus. In einem engen Hofraum war nicht genug Platz, um den Schatz, den er uns zeigen wollte, frei aufzustellen. Die zwölf Teile eines Wandgetäfels, 2,85 m hoch, 6,90 m breit, waren übereinandergestellt, so daß wir eine Gesamtübersicht über die Komposition nicht gewinnen konnten. Aber was wir davon sahen, schien uns sehr schön, und wir erwarben es. Daß der Verkäufer uns versicherte, er besitze diese Täfelung seit 1900 und sie stamme aus dem geplünderten Kaiserpalast, machte uns wenig Eindruck.Jetzt steht sie in ihrer ganzen Pracht vor uns. Wir haben sie gereinigt, Technik und Darstellung ergründet. Eine Täfelung, die zwölf Teile durch Holzstäbe getrennt, so daß man sie wie einen Wandschirm übereinanderschieben kann, eine mächtige Wand, Holz, bedeckt mit einer braunschwarzen Lackschicht, aus der die Darstellung herausgeschnitten ist, so daß nur noch die Konturen der Zeichnung in Lack stehengeblieben sind. Die vertieften Flächen sind mit Lackfarben bemalt oder vergoldet, die erhabenen Konturen aber haben die braune Lackfarbe behalten. Ein farbenreiches, prächtiges Bild! Die Holzstäbe, die die Komposition durchschneiden, stören den Chinesen nicht. Uns auch nicht. Sie sind zweckentsprechend, wesentlich und daher notwendig. Wie der Chinese, so betrachten wir die Darstellung von rechts nach links und nicht, wie unsere Augen gelernt haben, von links nach rechts. Ein Aufmarsch von Mandarinen, Herolden und Bannerträgern nähert sich dem monumentalen Eingangstor eines Palastes, in dem ein bejahrter Mandarin Glückwünsche entgegennimmt. Die linke Hälfte der Täfelung nimmt das Reich der Frauen ein, aus dessen Zugangstor Diener mit Geschenken heraustreten. Ein chinesisches Haus ist nicht ein einheitlicher Bau, sondern ein Vielfaches von Häuschen und Pavillons, die sich um Höfe und Gärtchen gruppieren. Frauen und Kinder ergehen sich hier in allerhand Beschäftigungen. Eine Dame, die sich im offenen Hause vor ihrem runden Metallspiegel frisiert, erwartet die den gepflegten Hof überschreitende Dienerin, die ein Waschbecken herbeibringt. Eine Mutter verteilt an die von der Kinderfrau gehüteten Kleinen Früchte. Aus einem runden Fenster blickt ein Gedichte träumendes Mädchen. In einem luftigen Pavillon vergnügen sich Damen beim Schachspiel, einige überschreiten ein Brückchen, von dem aus sie im Lotosteich angeln. Kinder spielen auf dem Rasen, wo Damen an einem Wurzeltisch Tee bereiten. Welch ein graziöses Bild des Lebens und Treibens an einem chinesischen Fürstensitz zur Zeit der Ming-Dynastie (1368-1644) tut sich hier vor uns auf! Wie natürlich, leicht und elegant bewegen sich die Frauengestalten, wie schön sind ihre fließenden Gewänder, welche Harmonie in der Verbindung von Menschen, Architektur und Natur! Auf dem Rande der Täfelung in freier Anordnung Blumenvasen und taoistische Embleme, geometrisch geschmückte Bordüren und solche mit den Schriftzeichen für langes Leben zwischen zwei Drachen.Ein chinesischer Gelehrter, der Lehrer unserer deutschen Dolmetscheraspiranten, bemühte sich, uns die Schriftzeichen auf den Tafeln zu enträtseln. Da steht, so sagte er, daß achtzig Beamte und Untergebene diesen sogenannten shao ping, d. h. Altersschirm, ihrem Vorgesetztem zum achtzigsten Geburtstag seiner Frau schenkten, deren Tugenden in überschwenglicher, bilderreicher Sprache die Inschrift preist. Auch ein Datum entzifferte er und zwar "Gemacht unter Kaiser Yung-lo, im 21. Jahr im 8. Monat seiner Regierung", d. h. 1424.Dann kam ein deutscher Sinologe und behauptete, die Inschrift enthalte überhaupt kein Datum. Heiliger Konfuzius, wie sehnlichst wünschte ich dich herbei! Wie unendlich schwer scheint es, sich in der chinesischen Schrift zurechtzufinden! Aber auch wie schwer, den Charakter und die strengen Etikette der Ostasiaten zu ergründen. Die schreiben ihnen vor, vor allem höflich zu sein und nicht zu widersprechen. Sie passen ihre Antwort, ein Urteil dem Wunsch des Fragenden an. Armer Europäer, dessen Gehirn nicht auf solche Ausflüchte geschult ist! Da wachsen Irrtümer über Irrtümer. Erst wenn die Chinesen gelernt haben werden, objektiv und europäisch wissenschaftlich zu denken, wird es möglich sein, ihre Aussagen über Kunst in unsere Kunstgeschichte einzureihen. Einstweilen müssen wir uns damit begnügen, zu erfassen, was in einem chinesischen Kunstwerk an Gefühlswerten und Zeitgeist steckt." Anmerkung: Nach heutigem Wissensstand gilt die Widmung auf dem zweiten Paneel (von rechts) der Gemahlin eines Gouverneurs in der Provinz Fujian. Die "Landesmutter" (laut Widmung) erhielt den Ruren-Titel im siebten Grad, und alle Personen, deren Namen, Rang und Wohnort auf der zweitletzten Tafel (der linken Seite) verewigt sind, beglückwünschten sie dazu. Die Widmungsinschrift wurde von zwei kaiserlichen Beamten konzipiert und geschrieben, die ihre Examen in den Jahren 1661 und 1670 bestanden hatten.

B. Clever