Eine Schenkung in Zeiten der Not

Bild der 38. Woche - 18. bis 25. September 2000

Josef Haubrich, porträtiert von Gerhard Marcks (Zeichnungen, 1953) und Heinrich Hoerle (Gemälde 1931) sowie ein Photo Haubrichs

Als am 6. März 1945 die Amerikaner in Köln einmarschierten, lebten noch etwa 30.000 Menschen in den Trümmern der zerbombten Stadt. Einer von ihnen war der Rechtsanwalt Josef Haubrich, ein Kunstfreund und -sammler, der sich seit dem Ende der 10er Jahre des 20. Jahrhunderts der zeitgenössischen Kunst widmete. Mit Mut und Geschick war es ihm später gelungen, diese Leidenschaft für die Kunst auch in der Zeit durchgehalten, in der die moderne Kunst als "entartet" verfemte wurde. Während des Krieges ausgelagert, war ein großer Teil seiner Sammlung nun wieder in der Stadt. Vor der herannahenden Front hatte er sie aus dem sicheren Versteck auf der Burg des Grafen Spee in Untermaubach in die Stadt zurückgeholt. Was mochte an diesem Tag in dem Mann vorgehen, der nun das Ende der Naziherrschaft erlebte, der im Keller seines Hauses Juwelen der modernen Kunst besaß und der im letzten Kriegsjahr seine Frau und in den letzten Kriegswochen seinen Sohn verloren hatte? Dachte er an die Kunst? Wer dachte am Tag des Einmarsches der Amerikaner in Köln überhaupt an Kunst? Zumindest die amerikanische Heerführung dachte an Kunst. Nur wenige Tage nach dem Einmarsch erschien ein Kunstoffizier im Hause Haubrichs, ließ sich die Bilder und Plastiken zeigen, forderte ein Verzeichnis an und stellte das Haus unter besonderen Schutz. Man kannte also bereits außerhalb Deutschlands die Sammlung Haubrichs und würdigte sie als aufbauenden Faktor. Nun begann Haubrich, den noch ausgelagerten Teil seiner Sammlung ebenfalls nach Köln zurückzuholen. Bis auf 14 Aquarelle von Klee, die in London als Feindvermögen beschlagnahmt wurden, war alles unversehrt geblieben. Als am 21. Juni 1945 die amerikanischen Fronttruppen von englischen Besatzungsmächten abgelöst wurden, wich die Generösität der Amerikaner einer absoluten Autorität. Haubrich bekam dies dadurch zu spüren, dass sein Haus, in dem die kostbaren Werke lagerten, beschlagnahmt wurde. Die nun aktuelle Not, keinen Platz für seine Sammlung zu besitzen, ließ Haubrich den Plan vorzeitig in die Tat umsetzen, über den er bereits seit längerem nachdachte: er bot der Stadt seine Sammlung mit 59 Gemälden, 296 Aquarelle und Zeichnungen, einer Druckgraphik und 22 Skulpturen zum Geschenk an. Als Bedingung verband er mit dieser Schenkung nur das Recht, sich für seine jeweilige Wohnung Einzelwerke ausleihen zu können, sowie die Bereitstellung einer jährlichen Summe in Höhe eines Beigeordnetengehaltes für Ankauf und Betreuung der Sammlung. Fünf Monate nach Annahme der Schenkung, im Oktober 1946, wurde die Sammlung zum ersten Mal gezeigt, in der in den Räumen der Alten Universität eingerichteten Schausammlung des Wallraf-Richartz-Museums. 1957 wechselte die Sammlung in das wiederaufgebaute Museumsgebäude. 1976 wurde sie zum größten Teil dem neu gegründeten Museum Ludwig zugeschlagen, seit 1986 sind die Werke im Doppelmuseum neben dem Dom zu sehen. An den am 5. September 1962 im Alter von 72 Jahren gestorbenen Josef Haubrich erinnert heute in Köln - neben der Sammlung - nur der Name der nicht herausragend attraktiven Josef-Haubrich-Kunsthalle am Neumarkt. In der Sammlung jedoch sind uns Werke von Arp, Barlach, Beckmann, Chagall, Corinth, Dix, Ensor, Ernst, Feininger, Grosz, Heckel, Kirchner, Kokoschka, Liebermann, Maillol, Marc, Mataré, Miró, Modersohn-Becker, Otto Mueller, Picasso, Nolde, Rohlfs, Schmidt-Rottluff, Sintenis und Zille erhalten, um nur die wichtigsten zu nennen.

T. Nagel