Abklatsch - Klatsch

Bild der 39. Woche - 25. September bis 2. Oktober 2000

Steinabreibung eines Grabreliefs mit der Darstellung des Attentatsversuchs des Jing ke auf Shi Huangdi, dem ersten Kaiser (reg. 221-210 v. Chr.) der Qin-Dynastie, 80 x 64 cm, China, späte Ost-Han-Dynastie (25-220 v. Chr.); Museum für Ostasiatische Kunst, Inv. Nr. S 11

Wiederholt haben wir Ihnen an dieser Stelle Auszüge aus Reisetagebüchern von Frieda Fischer (1874-1945) vorgestellt, die sich auf Werke beziehen, die von ihr und ihrem Mann dem Museum für Ostasiatische Kunst gestiftet wurden. So auch heute ein Text zum Abklatsch eines Grabreliefs. "Denkmäler in unserem Sinn, die plastische Darstellung von Helden und ihre Taten, kennt China nicht. Die Erinnerung an große geschichtliche Ereignisse hält die Schrift fest, in Stein gemeißelt. Der Peilin, der Tafelwald, im Osten der Stadt [Hsinganfu], bedeutet den Chinesen ein Heiligtum. In mehreren schmucklosen Hallen stehen auf Sockeln oder in die Wand eingelassen in langen Reihen Steintafeln, mit eingemeißelten Inschriften aus den verschiedensten Zeiten. Der älteste der etwa dreihundert Steine soll der mit den Schriftzügen des Kaisers Yü (2205 vor Chr.) sein, die wie Hieroglyphen wirken. Wer birgt für seine Echtheit? Im Jahre 837 wurde der Inhalt der klassischen Bücher, die einst auf kaiserlichen Befehl verbrannt worden waren, dem Stein anvertraut. Diese Steine sind hier verwahrt. Historische Ereignisse, aber auch die Schriftzüge großer Gelehrter oder solche von Dichtern überliefern Steine. Denn das Herz des Chinesen schätzt die Kalligraphie ebenso wie die Malerei. Beides ist ihm dasselbe. Nicht nur Schriftzeichen sind hier in meisterhafter Technik in den Stein gemeißelt, sondern auch bildliche Darstellungen berühmter Meister, Landschaften, Pflanzen und Tiere, das Bild des heiligen Dharma und das des Konfuzius, ebenso die Kwanyin nach dem berühmten Gemälde des Wu-tao-tze (8. Jh.). Solche Steine fesselten uns, die nicht Sinologen, natürlich ganz besonders, ebenso die ornamentalen Bordüren mancher Schrifttafeln, die von großartiger Komposition und Schönheit sind. Fast alle Steine sind so schwarz, daß man ihre Darstellungen kaum mehr erkennen kann, das Resultat des Abklatschens, das sich die Steine seit Jahrhunderten gefallen lassen mußten. Das geschieht so: Die Steintafel wird mit einem nassen Papier bespannt, das mit einer harten Bürste so lange beklopft wird, bis das dehnbare Papier sich in die Vertiefung gesenkt hat. Ist das Papier trocken geworden, so wird die Fläche mittels Wattebäuschen mit schwarzer, manchmal mit roter oder grüner flüssigen Tusche überrieben, wobei die Vertiefungen also unberührt bleiben. Gewerbsmäßige Abklatscher arbeiten in Peilin wie die Kopiesten in unseren Museen. Ganz in der Nähe der Hallen haben sie einen Abklatsch-Laden, der sie gut ernährt. Denn solche Abklatsche sind bei den literarisch eingestellten Chinesen äußerst beliebt und finden sich in jedem guten Haus. Die Ehrfurcht und Schätzung des Chinesen für alles Geistgeborene, besonders aber für die Schrift, kommt ja auch in der in ganz China eingewurzelten Sitte zum Ausdruck, die es vorschreibt, beschriebenes oder bedrucktes Papier nicht fortzuwerfen. Man glaubt an die fortwirkende, magische Kraft der Schriftzüge und übergibt sie der reinigenden Flamme. Deshalb stehen in den Straßen, an Stadttoren, aber auch in Tempeln Öfen, die solches Papier verbrennen. Die Hallen des Peilin hat die Ming-Dynastie (1368-1644) erbaut. Sie hat die Denksteine in und um Hsinganfu gesammelt und hier aufgestellt. Spätere Generationen haben die Zahl vergrößert. Wir bestellten uns die Abklatsche sämtlicher Steine und erhielten sie wohlverwahrt wie chinesische Bücher in mit dunkelblauem Stoff überzogenen Kästen, die kleine Beinnadeln an beweglichen Ösen verschließen. Daheim werden sie uns eine Freude und eine Fundgrube unserer Studien sein." Anmerkung: Der hier dargestellte Abklatsch gehört zu der Gruppe der vom Ehepaar Fischer dem Museum geschenkten und im Text erwähnten Werke. Obwohl der Materialwert der Abklatsche relativ gering ist, gewinnen Werke dieser Art zunehmend an Bedeutung, da sie immer häufiger einzige verbliebene Dokumente zu ihren steinernen Vorbildern sind.

B. Clever