Medienpolitik

Bild der 6. Woche - 7. bis 14. Februar 2000

Ebert und Noske in der Sommerfrische, Titelseite der Berliner Illustrierten Zeitung, Nr. 34, 24. August 1908, 35 x 24 cm; Museum Ludwig / Agfa Photo-Historama, Köln
 

Die Berliner Illustrierte Zeitung vom 24. August 1919 zeigte auf der Titelseite die Photographie' Ebert und Noske in der Sommerfrische'. Knietief im Wasser stehend sieht man den neuen ersten sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert zusammen mit dem Reichswehrminister Gustav Noske in Badehosen mit abgewinkelten Armen in die Kamera schauend. Dieses ausgesprochen friedfertige und harmlose Bild sollte eine außerordentliche Wirkung erzielen. Präziser formuliert: Diese Photographie des neuen Machthabers schlug in der soeben gegründeten Weimarer Republik wie eine Bombe ein, denn Friedrich Ebert war drei Tage zuvor erst zum Reichspräsidenten gewählt worden. Wie es zu der Aufnahme kommen konnte, ist durch ein Tagebuch überliefert worden: "In jener Zeit hielt es der Reichspräsident für nötig, den Bundesregierungen seinen Besuch zu machen. Es wurde also zunächst eine Fahrt nach Hamburg im Auto eingeleitet... Nach dem Mittagessen wurde noch eine Parade abgehalten. Am nächsten Tag fuhren wir nach dem Ostseebad Haffkrug, um ein Waisenhaus zu besichtigen. Nach der Besichtigung, bei der die Kinder Lieder sangen und eine photographische Aufnahme gemacht wurde, regte jemand an, noch ein Bad in der Ostsee zu nehmen. Während wir badeten, ging der Photograph, der sich von dem Waisenhaus nach Hause begab, am Strande vorbei und schlug vor, ein Bild der Badenden zu machen. Gesagt, getan. Alle gruppierten sich in den Wellen, und es wurde eine Photographie aufgenommen." Die Wirkung des Bildes war fatal, denn knapp ein Jahr nach dem Ende des verlorenen Krieges, nach dem Zusammenbruch der Monarchie und kurz nach der Einrichtung der ungeliebten Republik bekamen deren Gegner ohne alle Mühen einen sensationellen Propagandaerfolg zugespielt: Der erste Repräsentant des Staates stand halbnackt und lächelnd im Wasser. Eine Welle von Schmähbildern reagierte darauf (s. kleines Bild aus: Die Pleite, November 1923). Umfassend wurde Friedrich Ebert in Wort und Bild denunziert, was zur Verunglimpfung der jungen Republik beitrug. Zunächst reagierte der Gemeinte mit großer Gelassenheit, dann sah er sich gezwungen, Strafanträge wegen Beleidigung zu stellen. Im November 1924, wenige Monate vor seinem Tod, wurde der 173. Strafantrag formuliert. Damals begannen die heute sattsam bekannten Grenzgänge der Medien mit einem denkbar schlichten und harmlosen Badehosenbild. Diese Titelseite der Illustrierten Zeitung mit der Reproduktion des Fotos befindet sich in der Sammlung des Museum Ludwig / Agfa Photo-Historama, Köln.

B. von Dewitz