Fin de siècle?

Bild der 52. Woche - 27. Dezember 1999 bis 3. Januar 2000

Odilon Redon - la captive (Die Gefangene), um 1914, Wallraf-Richartz-Museum, Köln, WRM 2957, 50,5 x 65,5 cm

In dieser Woche vollzieht sich der Jahreswechsel von 1999 nach 2000. - Wie immer wieder betont wird, endet damit nicht das 20. Jahrhundert oder das 2. Jahrtausend. Da das erste Jahr der Zeitrechnung erst zu Ende ging, als man das Jahr 2 n. Chr. zu schrieb, geht das 2000. Jahr auch erst zu Ende, wenn wir das Jahr 2001 zu schreiben beginnen. Gleich wie immer man diesen Sachverhalt betrachtet, ob man in der Sylvesternacht den Beginn einer neuen Epoche feiert oder nicht, das Bewußtsein, in der Zeit eines besonderen Wechsels zu leben, ist überall präsent. Millenium heißt das Stichwort. Am Ende des 2. Jahrtausends und des 20. Jahrhunderts scheint zumindest in Deutschland dem Eindruck nach keine Untergangsstimmung zu herrschen. Wenn überhaupt Angst oder Sorge zu finden sind, dann wegen des sogenannten Y2K-Problems, des in der Welt der EDV allgegenwärtigen Programmfehlers beim Jahreswechsel von 1999 nach 2000. Die zentralen Milleniums-Emotionen orientieren sich eher an der Suche nach der besonderen Sylvester-Milleniums-Party oder am Erwerb des günstigen Millenium-Produkts. Beim Jahrhundertwechsel vom 19. zum 20. Jahrhundert war dies deutlich anders, Endzeitstimmung prägte die letzten Jahre vor 1900. Man war sich bewußt, in einer sterbenden Kultur zu leben. Der Begriff Dekadenz macht die Runde. Der Kulturpessimismus löste jedoch nicht nur Angst und Unruhe aus, er wurde auch in seinen melancholischen Reizen genossen. Dekadenz als positives Phänomen, als ästhetischer Wert. Damit verbunden ist eine Abkehr vom auftrumpfenden Selbstbewußtsein der Gründerjahre. An die Stelle des extrovertierten Weltgefühls tritt der nach innen gewendete Blick. Im Schaffen Odilon Redons (1840-1916), von dem dieses Gemälde des Wallraf-Richartz-Museums mit dem Titel la captive (Die Gefangene) stammt, spiegelt sich der Geist dieser Zeit. Er gehörte zu den Symbolisten und gilt gleichzeitig als Wegbereiter einer surrealistischen Kunstauffassung. Redon entwickelte seine Kompositionen oft aus gemalten Farbräumen heraus, deren Enstehung eher von der unbewußten Intention als von bewußter Komposition bestimmt war. So wirkt die Gefangene wie aus der Felsenfarbe herausmoduliert und die Landschaft verschwimmt mit den Farbflächen des Himmels. Weder der Titel noch das Dargestellte liefern Anhaltspunkte, den Bildinhalt in einen Kontext zu stellen. Die sichtbaren Details haben eine wesentlichere Aufgabe als Farbflächen und als Teile einer traumhaften Bildvision.

T. Nagel