Das Warten im Wald

Bild der 4. Woche - 24. bis 31. Januar 2000

Marianne Stokes - Schneewitchen, Mischtechnik auf Papier, auf Holz aufgezogen, 72 x 95 cm; WRM 3624

Sie werden das Thema des aktuellen Bildes der Woche vermutlich direkt jedoch mit Verwunderung erkannt haben: Ein junges hübsches Mädchen mit langen ebenholzfarbenen Haaren in einem Glassarg, umgeben von drei kleinen mit Zipfelmützen bekleideten Personen, dies alles mitten im Wald. In der Tat, das Gemälde trägt den Titel Schneewitchen und der englische Text am unteren Bildrand beschreibt die entsprechende Szene des Bildes recht genau: "Wir können sie hier nicht in der dunklen Erde begraben" sagten die Zwerge und so machten sie einen durchsichtigen Sarg aus Glas, so daß man sie von jeder Seite aus sehen konnte, legten sie hinein und schrieben ihren Namen darauf und dass sie eine Königstocher war. Dann trugen sie den Sarg in den Wald und einige von ihnen bewachten sie und die Vögel kamen und beweinten Schneewitchen, zuerst eine Eule, dann ein Rabe und zuletzt eine Taube. So lag Schneewitchen eine lange Zeit in ihrem Sarg und sah aus, als ob sie schliefe. Der ursprüngliche Kontext dieses Bildes, das im Wallraf-Richartz-Museum zu sehen ist, ist noch wenig erforscht, ebenso wie das Leben seiner Autorin, der österreichisch-englischen Malerin Marianne Stokes (Graz 1855 - 1927 London). Die ungewöhnliche Form des Bildes mit seinem halbbogenartigen Abschluß und die einzelne, in der ganzen Erzählung des Märchens nicht besonders wichtige Episode, weisen zunächst darauf hin, dass dieses Bild aus einem Zyklus stammen könnte. Wenn es sich jedoch um ein Einzelbild handelt - und bisher ist nichts über weitere zugehörige Gemälde bekannt -, dann muss man davon ausgehen, dass die Künstlerin das Thema bewußte aus den vielen möglichen Bildthemen des Märchens auswählte. Die Stimmung des Gemäldes ist geprägt von stiller Trauer, Innehalten, beginnender Melancholie. Der erste Zwerg am Sarg hält blickend inne, der vordere hält in sich versunken die Hand still vor das Gesicht. Man kann fast keine Bewegung entdecken. Von der Eule wissen wir, dass sie am Tage fast regungslos dasitzt - wie hier zu sehen. Auch das zaghaft daherschreitende Reh rechts ist nicht das kraftvolle Tier, welches diese Situation der melancholischen Stille durchbrechen kann. Das einzige was sich von dieser Stimmung nicht beeinflussen läßt und dennoch selbst zur Atmosphäre der Szene beiträgt, ist das kontinuierliche Plätschern der kleinen Quelle im Vordergrund. Das Bild ist in leichter Untersicht gemalt und versetzt auf diese Weise den Betrachter in die Perspektive der Zwerge. Während für die dargestellten Zwerge das Märchen zunächst einmal zu Ende ist, weiß der Betrachter, wie es weitergeht. Dieses Wissen verändert in seinem Bewußtsein die Stille der Szene in die Atmosphäre des Wartens, des Warten auf den Prinzen, der jeden Moment die Szene betreten kann. Marianne Stokes gehört zu den Malern des Fin de siécle, des ausgehenden 19. Jahrhunderts (s. hierzu BdW 52/1999). Drückt sich in dieser bewußt gewählten Szene des Märchens die Hoffnung am Ende des 19. Jahrhunderts aus, aus dem Dunkel des Waldes in ein helleres, glücklicheres neues Jahrhundert geführt zu werden? Die mit dem englischen Maler Adrian Stokes verheiratete Malerin ließ sich von den sogenannten Präraffaeliten beeinflussen, einer Gruppe von Malern um Dante Gabriele Rosetti, die ab etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts in England romantizistisch und zugleich fast naturalistisch die christlichen Themen in der Malerei erneuern wollten, indem sie diese in dem Rahmen der Alltagswelt neu übertrugen. Zu diesem Stichwort fällt bei unserem Gemälde neben der romantischen Themenwahl ein eigenartiger Kontrast auf: In der Welt dieses Märchens mit Zwergen, einer Zauberin und einem Zauberspiegel wirken die gefalteten Hände, eigentlich die gesamte Haltung Scheewittchens wie ein Fremdkörper. Sie liegt im Glassarg wie eine jugendliche Heilige - wie etwa die heilige Bernadette Soubirous, die 1879 gestorben war. Vielleicht kann man auch an diesem Punkt eine Interpretation des Gemäldes anknüpfen: Hoffnung auf eine Wiederbelebung des Christlichen in einer freundlichen, jedoch heidnischen Umgebung?

T. Nagel