Algerischer Widerstand

Bild der 48. Woche - 29. November bis 6. Dezember 1999

Marc Garanger - Algerierin, 1960, Gelatinesilber, 40,4 x 30,4 cm; ML/F 1984/51 (Stiftung Gruber)

Der streng frontale Blick der Frau fixiert den Betrachter und bezeichnet wie ein treffender Pfeil mit äußerster Schärfe die Position des Photographen. Das Augenmake-up und die Gesichts-Tatauierung betonen diese Konzentration des Blickes. Es handelt sich um eine algerische Frau. Sie hat ihre Augen mit der auf Antimonit basierenden schwarzen Augenschminke "kohl" umrandet. Diese bringt die Augen zum Strahlen, ist ein kosmetischer Schutz und wehrt den sogenannten "bösen Blick" ab. Die geometrischen Tatauiermuster sind glückbringende Symbole und weisen sie als verheiratete Frau aus. Der Halsschmuck, der durch die Haltung der Hände betont wird, ist ebenfalls magisch aufgeladen und fungiert als Talisman. Die Frau trägt die traditionelle Kleidung. Es fehlt jedoch der Schleier. Sie mußte ihn für die photographische Situation ablegen, eine schreckliche Entblößung und Mißachtung der örtlichen Tradition. Die Geschichte des Bildes führt zurück in das Jahr 1960 in Algerien. Damals versuchte die französische Armee, die algerische Unabhängigkeitsbewegung zu unterdrücken. Um eine bessere Kontrolle der Bevölkerung zu sichern, sollte diese französische Personalausweise erhalten. Der französische Photograph Marc Garanger bekam im Rahmen seines Militärdienstes in Algerien den Photoauftrag. Es entstanden fast 2000 Portraits, zeitweise 200 pro Tag. Garanger sagt: "Ich habe den stummen, aber heftigen Widerstand aus nächster Nähe gespürt. Und ich möchte mit meinen Photos davon Zeugnis ablegen". Die Kraft der Photographie liegt in dem fokussierenden Blick der Frau. Ihre Augen halten nicht nur dem voyeuristischen Blick der Besatzungsmacht stand, vielmehr vermag sie ihn umzuwenden. So bewirkt sie die Transformation der photographisch-militärischen Aneignung, die eine französische Identität konstituieren will, in eine Art Behauptung der Unabhängigkeit durch den Blick. Dieser erzeugt den umgekehrten Effekt: eine Wiederaneignung der Identität.

K. Katthöfer