Gans, Stier, Dornstrauch und Schaf im Kloster

Bild der 16. Woche - 19. bis 26. April 1999

Tintenhorn mit Mal- und Schreibkästchen Elfenbein, 9./11. Jahrhundert, Schnütgen-Museum, Köln, B95

Aus Tierhörnern hat man nicht nur Trinkgefäße und Blasinstrumente hergestellt, sondern auch Tintenfässer. Das aus Rinderhorn gefertigte Tintenfaß des Schnütgen-Museums ist vor ca. 1000 Jahren entstanden und eines der wenigen erhaltenen Exemplare eines solchen Gebrauchsgegenstandes. Auffallend ist, daß die Hornscheide außen geglättet und an ihrer massiven Spitze abgekantet und profiliert ist. Daß Hörner (lat. "cornu") als Tintenfässer sehr verbreitet waren, bezeugen zahlreiche mittelalterliche Handschriften, in denen schreibende Evangelisten oder Schreibermönche mit ihren Schreibwerkzeugen dargestellt sind. Die Vorteile des trichterförmigen Tintenfasses lagen darin, daß man es beim Schreiben gut in der Hand halten konnte und daß man es in den Öffnungen der schrägstehenden Buch- und Schreibpulte sicher verankern konnte. Den höchsten Bedarf an Tintenhörnern und anderem Schreibmaterial hatten bis zum 12. Jahrhundert vor allem die Schreibstuben der Klöster (Skriptorien). Das mittelalterliche Klosterleben bestand nämlich nicht nur aus handwerklicher Arbeit und Gebet, sondern auch aus dem Studium und dem Abschreiben alter Texte. Die Klöster waren mit Bibliotheken ausgestattet, in denen das Schrifttum der Vergangenheit bewahrt und überliefert wurde. Durch den exklusiven Zugang zur Bildung ist es zu erklären, daß vor dem Zeitalter der Entstehung der Universitäten im 13. Jh. sich die "geistige Elite" der Gesellschaft vor allem aus den Reihen der Mönche rekrutierte. Lesen und Schreiben war damals nur wenigen Privilegierten vorbehalten. Der Herstellungsprozeß von Texten und Büchern war im Mittelalter sehr aufwendig und kostspielig. Die direkt aus der Natur gewonnenen Materialien wie Pergament (Tierhaut), Farbe, Tinte und Schreibgeräte hat man in den Klosterwerkstätten für den Eigenbedarf produziert. Ein Gedicht des 12. Jahrhunderts in einer Handschrift (Staatsbibliothek Berlin, Ms. Phillipps 1694) faßt knapp zusammen, was ein mittelalterlicher Schreiber benötigt: "Zu jedem Schreiber gehört viererlei: Gans, Stier, Dornstrauch und Schaf ... Die Gans gibt die Feder, das Horn entsteht aus dem Rind (!), das Pergament liefert das Schaf, der Dornstrauch bringt gewöhnlich die Tinte hervor". Wie man aus einem Rezeptbuch des 12. Jahrhunderts, das der Mönch Theophilus Presbyter verfaßt hat, ersehen kann, war das Herstellen von Tinte aus Dornenzweigen der Schlehe ein sehr mühsamer und langwieriger Prozeß. War die Tinte fertig, mußte sie bei Gebrauch immer wieder mit Wein über Kohlen angerührt werden (Diversarum artium schedula, I, 45). Wissen wir um die Mühe und Sorgfalt, die bis zum fertigen Ergebnis einer mittelalterlichen Handschrift aufgewendet wurde, so können wir deren Kostbarkeit heute vielleicht noch höher schätzen. Das Tintenhörnchen des Schnütgen-Museums gehört insofern zu den vielen Zeugnissen, die uns faszinierende Einblicke in die ferne Zeit des Mittelalters geben.

A. Schiffhauer