Frühlingsgrüße vom Hasen

Bild der 6. Woche - 8. bis 15. Februar 1999

Neujahrsdruck, Hasen, Mond und Kiefer und 19 Haiku-Gedichte Japanischer Farbholzschnitt mit Blinddruck, Großes Surimono: 34,8 x 51,5 cm, Museum für Ostasiatische Kunst, Köln

Die traditionelle japanische Zeitrechnung erfolgt nach dem chinesischen Mond-Sonnen-Kalender. Für die Benennung eines Jahres wird jeweils ein Zeichen der zwölf Tierkreiszeichen mit einem von zehn Kalenderzeichen kombiniert. Nach dem alten Kalender beginnt das Jahr zwischen Mitte Januar und Mitte Februar. Am 16. Februar 1999 beginnt das Jahr des Hasen. Der Hase ist das vierte Tier im japanischen Tierkreis. In China und Japan wird der Hase, wie in vielen anderen Kulturen, mit dem Mond assoziiert. Der Hase wird als Symbol für das Wiedererstehen und die Leuchtkraft des Mondes angesehen. Eine alte Legende Ostasiens lautet, daß der Hase bei Vollmond Zimtzweige als Elixier des langen Lebens in einem Mörser zerstößt. Auch Pflanzendarstellungen sind seit frühester Zeit mit Symbolik verknüpft. So stehen Kiefernzweige wie der Hase für langes Leben und sind ein beliebtes Glückssymbol auf Neujahrsblättern. Pflanzen- und Tierdarstellungen sind häufiger als andere Bildthemen in den Holzschnitten naturgetreu wiedergegeben und lassen in der minutiösen Zeichnung die sorgfältige Beobachtung zum Ausdruck bringen. Im Unterschied zu den kommerziellen Drucken spielte bei den surimono der Schriftteil eine ebenso große Bedeutung wie der Bildteil. In diesem surimono sind 19 haiku-Gedichte (17-silbige Kurzgedichte) abgedruckt, die meistens Bezug auf den Frühling nehmen. Sie sind in einer flüssigen Kursivschrift verfaßt, die chinesische und japanische Schriftzeichen sowie die japanische Silbenschrift hiragana kombiniert. Es ist möglich, daß dieses saitan surimono von einem haiku-Dichterkreis zum Jahr des Hasen in Auftrag gegeben wurde. Das Schenken von surimono ('Drucksache') geht auf alte Gebräuche des chinesisch-japanischen Kulturkreises zurück. Der Brauch, auf dekoriertem Papier ein Gedicht oder einen Glückwunsch zu schreiben, wurde in Japan bereits in der Heian-Zeit (794-1185) gepflegt. Das surimono trat etwa seit der Mitte des 18. Jh. als Sonderform des japanischen Farbholzschnitts in Erscheinung. Anlässe zur Publikation waren z. B. das Neujahrsfest. Ihrem Inhalt gemäß teilt man surimono in verschiedene Gattungen ein. Als größte Gruppe gelten dabei die Neujahrs-surimono (saitan surimono).

M. Retterath