Spieglein, Spieglein an der Wand ....

Bild der 15. Woche - 12. bis 19. April 1999

Nikolai Sinjezubow - Komposition, um 1925, Öl auf Leinwand, 64,5 x 81 cm; Köln, Museum Ludwig, ML
Tizian - Werstatt, Venus vor dem Spiegel, um 1555, Öl auf Leinwand, 117,5 x 101 cm; Köln, Wallraf-Richartz-Museum, Dep. 332

Der tägliche mehrfache Blick in den Spiegel besitzt für uns nicht mehr den Charakter des besonderen Ereignisses - und ob er noch mit Eitelkeit zu tun hat - na ja ... In den Jahrhunderten vor der Erfindung der rückseitig versilberten Glasplatte hatte diese Betrachtung des eigenen Äußeren im alltäglichen Leben und somit auch in der Kunst einen ganz anderen, nicht alltäglichen Stellenwert. Spätestens seit der Renaissance stellt die Wiedergabe des menschlichen Spiegelbildes ein wichtiges künstlerisches Thema in der Malerei dar, das in einigen Fällen die verpflichtende Mahnung "Erkenne Dich selbst" veranschaulicht, meistens jedoch das Bild der sich spiegelnden Frau als typische Verkörperung der Eitelkeit behandelt. Reizvoll ist dabei die Verschränkung der unterschiedlichen Bildebenen, die Reales und Imaginäres miteinander verknüpft und auf die symbolische Bedeutung der Frau als Bild verweist. Ein berühmtes Beispiel ist Tizians Gemälde "Venus vor dem Spiegel" (kleines Bild), das im Laufe der Jahrhunderte in einer Unmenge von Kopien und Umwandlungen variiert wurde. In unserem 1925 entstandenen Gemälde "Komposition" greift der russische Maler Nikolai Sinjezubow das Thema gleich zweifach auf. Sein Ölbild zeigt zwei junge Frauen bei der Toilette. Die linke Bildhälfte gibt den Blick frei auf eine, als Rückenakt gegebene, brünette junge Frau, die vor einem kleinen Wandspiegel im Hintergrund des Raumes sitzend, ihr Haar richtet. Den größten Teil des Gemäldes nimmt das von einem Spiegel zurückgeworfene Porträt eines jungen Mädchens ein, das sich stehend das blonde Haar zu einem Zopf flicht. Dabei kreuzen sich die Blicke des Mädchens im Spiegel mit denen eines imaginären Betrachters. Die Gestalt des Mädchens, wird als Bild im Bild, seitlich durch die Begrenzungen des großen Spiegels beschnitten, der schräg an eine Wand gelehnt zu sein scheint. Mit dem jungen Mädchen reflektiert der Spiegel eine Ecke des in warmen Rottönen gehaltenen Zimmers und macht so die Tiefe des Raumes vorstellbar. Der Blick in den Spiegel wird vom unteren Bildrand abgeschnitten, so daß keine Bodenfläche sichtbar wird, die den Raum genauer bestimmt. Der großflächige Farbauftrag, mit dem Sinjezubow die Bildfläche gestaltet, läßt eher an einen Spachtel als einen Pinsel denken. Der Maler beobachtete sein Modell in einem Moment der Versunkenheit in den Anblick der eigenen Jugend und Schönheit. Doch diese Selbstbeschau ist frei von jeder Koketterie, sie ist eher fragend. So wirkt in Sinjezubows Gemälde auch weniger die Darstellung des unbekleideten weibliche Körpers, sondern das Gesicht im Spiegel mit seinem, auch den Betrachter einbeziehenden, kritisch prüfenden Blick. Nikolai Sinjezubow wurde 1891 in Moskau geboren. Er gehörte zu den Künstlern der russischen Avantgarde, die offen für westliche Kunstströmungen, die Entwicklung der modernen russischen Kunst aktiv mitgestalteten. So war er 1920 neben Kandinsky, Rodtschenko und Stepanowa einer der Teilnehmer der impulsgebenden "Ausstellung der Vier" in Moskau. Unter dem zunehmenden politischen Druck emigrierte Sinjezubow 1928 nach Frankreich. Er starb 1948 in Paris.

B. Herrmann