Im Banne der Medusa

Bild der 49. Woche - 30. November bis 7. Dezember 1998

"Medusa Wallraf", hadrianisch, um 137 n. Chr., Wiederherstellung 1986, kleinasiatischer Marmor und Marmorimitat, Breite in Augenhöhe 66,5 cm, Römisch-Germanisches Museum Köln, RGM Inv.-Nr. 547

Sie hat Schlangenhaare und riesige Zähne. Goldene Flügel wachsen aus ihrem Kopf. Ihr Blick läßt jeden, der sie sieht, zu Stein erstarren. Poseidon ist der einzige, der ihren Blick ertragen kann, ohne dieses Schicksal zu erleiden. So wird Medusa, die Tochter des Meeresgottes Phorkys, in den antiken Mythologien beschrieben. Der Kölner Sammler Ferdinand Franz Wallraf war fasziniert von einem antiken Marmorkopf der Medusa, der ihm 1818/1820 von dem aus Rom stammenden Kunsthändler Gaetano Giorgini angeboten wurde. Er erwarb ihn für die Sammlungen der Stadt Köln. Im 19. Jahrhundert sehr geschätzt, geriet der Medusenkopf im Laufe der Zeit in Vergessenheit. 1972 fand sich bei den Vorbereitungsarbeiten für die Eröffnung des Römisch-Germanischen Museums eine Kiste mit Brandschutt. Aus dem im Krieg zerstörten Museum waren die Fragmente der beschädigten Kunstwerke in Kisten gelagert worden. So auch die Bruchstücke einer Marmorskulptur. Es waren die Überreste des Wallrafschen Marmorkopfes der Medusa. Nun stellte sich die Frage nach der Restaurierung. Durch einen glücklichen Zufall fand sich in der Humboldt-Universität in Berlin ein Gipsabguß dieser sogenannten "Medusa Wallraf", der im 19. Jahrhundert für das Großherzogliche Museum Schwerin angefertigt worden war. Dieser diente als Vorbild für die Wiederherstellung der Medusa. Dabei fand man heraus, daß die Medusa, bevor Wallraf sie kaufte, im klassizistischen Geschmack des 19. Jahrhunderts stark überarbeitet worden war. Anhand des Gipsabgusses wurden 1986 die zerstörten Partien ergänzt und der Medusenkopf in der klassizistischen Restaurierung wiederhergestellt. Seit Forschungen aus dieser Zeit weiß man, daß die "Medusa Wallraf" wahrscheinlich zu einem Fries gehört hat, der den Venus und Roma-Tempel in Rom schmückte. Kaiser Hadrian hatte den Tempel um das Jahr 137 n. Chr. geweiht. Wahrscheinlich ist der Medusenkopf auch in dieser Zeit entstanden. Als Material wurde kleinasiatischer Marmor benutzt. Die ebenmäßigen Gesichtszüge der Medusa sind geprägt von einem kräftigen, runden Kinn, wulstigen Lippen, einer scharf gezeichneten Nase und mandelförmigen Augen. Wilde, dicke Haarlocken umkränzen das Gesicht. Über der Stirn befinden sich waagerecht gestellte Flügel, die aus der Lockenpracht heraustreten. Zwei Schlangenenden laufen unter dem Kinn zusammen und sind ineinander verschlungen. Die erste Aufstellung im "Kölnischen Hof" um 1825 präsentierte den Medusenkopf auf einem Säulenstück. Heute ist der Medusenkopf im Römisch-Germanischen Museum, in Anlehnung an seine ursprüngliche Verwendung als Teil einer Architektur, hoch an einer Wand angebracht. Goethe beschrieb in seiner "Italienischen Reise" 1788, die Medusa als "ein wundersames Werk, das, den Zwiespalt zwischen Tod und Leben, zwischen Schmerz und Wollust ausdrückend, einen unnennbaren Reiz wie irgendein anderes Problem über uns ausübt". So können auch wir sie heute wieder im Römisch-Germanischen Museum bewundern. Zu der "Medusa Wallraf" existiert eine Zeichnung von Matthias Joseph De Noël (1782 - 1849).

E. Klother