Als der Direktor noch zeichnete

Bild der 45. Woche - 2. November bis 9. November 1998

Matthias Joseph De Noël Die 'Medusa' des Ferdinand Franz Wallraf, 2. Viertel des 19. Jhs Blatt im Skizzenbuch "Römische Alterthümer" schwarze Kreide, teils in Grau laviert, 25,5 x 19,7 cm Wallraf-Richartz-Museum, Köln, 1936/31 ZB 15, Blatt 1
Matthias Joseph De Noël Matthias Joseph De Noël, Selbstbildnis.

Die heutigen Anforderungen an die Fähigkeiten eines Museumsdirektors schließen in der Regel das praktische künstlerische Arbeiten nicht mit ein. Daß ein Künstler den Chefsessel eines Museums einnimmt, ist nur in Ausnahmefällen denkbar - auch wenn Kenntnisse der Kunstszene und Einfühlungsvermögen aus eigener künstlerischer Erfahrung einen großen Vorteil darstellen. Als Köln 1828 zum ersten Mal einen hauptberuflichen Museumsleiter für den Kunstbestand der 1824 erworbenen Sammlung Wallraf suchte, fiel die Wahl fast wie selbstverständlich auf einen Mann mit praktischer, künstlerischer Erfahrung als Maler und Zeichner: Matthias Joseph De Noël (1782 - 1849). Dessen Nachfolger wurde 1843 wieder ein Maler: Johann Anton Ramboux (1790 - 1866), Schüler des berühmten französischen Malers Jacques Louis David (1748-1825). Auch der dritte Leiter des Wallraf-Richartz-Museum - wie das Museum inzwischen hieß - war Maler und hatte bis zu seinem Antritt der Museumsleitung an der Kunstakademie in Weimar gelehrt: Johannes Niessen (1821 - 1910). Von allen dreien besitzt das Wallraf-Richartz-Museum eine nicht unbedeutende Reihe von Gemälden und Zeichnungen. Die hier vorgestellte Zeichnung mit der Darstellung einer antiken Skulptur stammt vom ersten Direktor des Wallraf-Richartz-Museums, von Matthias Joseph De Noël. Man sieht eine antike Darstellung des Kopfes der Medusa, jener Schreckensgestalt der griechischen Mythologie, deren Blick die Menschen versteinerte und welcher der Held Perseus schließlich den Kopf abschlug. Diese vollplastische Skulptur gehörte seit den Zwanziger Jahren des 19. Jhs. zur Kunstsammlung der Stadt. Im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt ist sie heute restauriert im Römisch-Germanischen Museum zu sehen. Zur Zeit De Noëls erregte diese bildhauerische Meisterleistung große Beachtung, so z. B. bei Goethe und Johanna Schopenhauer. Damals noch einem griechischen Meister zugeschrieben ist das Medusahaupt wohl römischen Ursprungs aus der Zeit Kaiser Hadrians (117-138). Die Zeichnung De Noëls befindet sich in einem Skizzenbuch des Malers und Direktors, welches den Titel "Römische Alterthümer" trägt. Dies macht bereits deutlich, daß De Noël mit der Abbildung des Reliefs nicht eine Publikation des Werkes vorbereiten wollte - hierzu hätte er auch die falsche Technik gewählt, Kupferstich wäre passend gewesen. Ihm ging es vielmehr um eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Werk. Die Zeichnung spiegelt die Faszination wider, welche die Skulptur in ihrem Licht/Schatten-Spiel auf den Maler ausgeübt hat. Um diese in die Zeichnung zu übertragen, wählte De Noëls die Technik der lavierten Kreidezeichnung, welche sich für die Betonung des Hell/Dunkel-Gegensatzes besonders eignet. Indem er in der Zeichnung die Skulptur in einer Nische wiedergabt, steigerte er zusätzlich die Wirkung von Licht und Schatten. Dies wiederum trug zur Faszination bei, welche heute von der Zeichnung des Direktors ausgeht.

T. Nagel