Ein berühmter Kopf

Bild der 43. Woche - 19. bis 26. Oktober 1998

HL. Dionysius, Köln, um 1320, Nußbaum, 74 x 43,5 x 33 cm, Schnütgen-Museum, Köln, A 894
Hl. Dionysius, Ausschnitt aus einer Tafel mit Heiligen Köln, um 1420, Wallraf-Richartz-Museum, WRM 13, 1943 verbrannt

Paris, Montmartre. Der Henker verfehlte knapp sein anvisiertes Ziel. So traf die Wucht des Schlages nicht den Nacken, sondern trennte die obere Schädelhälfte des Bischofs ab. Dies war zumindest die Version, welche die Geistlichen der Pariser Kathedrale über den Tod des Heiligen Dionysius, des ersten Bischofs von Paris erzählten, besaßen sie doch die Schädelkalotte des im 3. Jahrhundert ermordeten Gottesmannes. Wenige Kilometer weiter, in der Abtei St. Denis (Sankt Dionysius) bei Paris, verehrte man ebenfalls den Heiligen, da man die Gebeine des Bischofs besaß und in der Kirche dieses nach ihm benannten Klosters aufbewahrte. Zu den Gebeinen gehörte auch der Kopf, zwar abgetrennt jedoch vollständig, weshalb die Mönche von St. Denis die Version der Pariser Geistlichen heftig dementierten. Ihrer Auffassung nach hatte der Henker getroffen. Der oder die Auftraggeber dieser in Köln entstandenen Skulptur des heiligen Dionysius (Schnütgen-Museum in Köln) sympathisierten - wie man deutlich sehen kann - mit der von Paris vertretenen Auffassung. Wäre diese Figur nicht um 1320 entstanden, sondern 70 Jahre später, so könnte man die Vorliebe der Kölner für die Version des gespaltenen Kopfes mit der großen Zahl von Pariser Professoren erklären, welche an die 1388 neu gegründete Kölner Universität gewechselt waren und so das geistige Klima und die theologische Ausrichtung in Köln mitprägten. Wie sah es jedoch siebzig Jahre vor der Gründung der Universität aus? Stätten der Bildung waren vor den Universitäten die Dom-, Stifts- und Klosterschulen. Im 13. Jahrhundert waren es dann die sogenannten Generalstudien der Orden, sozusagen ordensinterne Universitäten, an welchen die höchstmögliche Bildung erlangt werden konnte. Die Generalstudien der Dominikaner, Minoriten und Karmeliter in Köln machten die Stadt schnell zu einem Zentrum europäischer Wissenschaft. Alle bedeutenden Lehrer dieser Orden hielten in Köln Vorlesungen und bei den Karmelitern und ganz besonders bei den Dominikanern fand eine enge Zusammenarbeit mit den jeweiligen Generalstudien in Paris statt. Wurde auf diesem Wege die Pariser Version in Köln heimisch? Wäre es anders gewesen wenn das Kloster St. Denis bei Paris ein Dominikanerkloster gewesen wäre und kein Benediktinerkloster? Fest steht, daß Darstellungen des hl. Dionysius in Köln auch in späteren Jahrhunderten den halb abgeschlagenen Schädel zeigen (s. Detailbild). Dionysius war im Denken und Lehren des Mittelalters kein Unbekannter. Man identifizierte ihn fälschlicherweise mit einem Autor wichtiger theologischer und mystischer Schriften, der vermutlich Ende des 5. Jahrhunderts lebte und sich als Dionysios, der Schüler des Apostel Paulus, bezeichnete. Daher nannte man ihn Dionysios Areopagita. Die unter diesem Namen verbreiteten und mit dem Bischof von Paris verbundenen Schriften hatten einen gewaltigen Einfluß auf das Denken des 12. bis 16. Jahrhunderts. Indem seine Schriften Abt Suger (gest. 1151), Abt des erwähnten Klosters St. Denis bei Paris, zu Gedanken über die Bedeutung des Kirchengebäudes anregten, trug er sogar dazu bei, daß der Baustil der Gotik seinen Anfang nahm - in St. Denis und bei der Kirche eines Freundes von Abt Suger, dem Bischof von Char

T. Nagel