Das jüngste Bild unter den Meistern: Max Slevogt, Kirschenernte

Bild der 23. Woche - 1. bis 8. Juni 1998

Max Slevogt - Kirschenernte, Blick von Neukastel nach Süden, Wallraf-Richart-Museum, WRM 2361, Öl auf Leinwand, 90,5 x 116 cm; © VG Bild-Kunst, Bonn 1998

Seit über 120 Jahren besitzt die Stadt Köln durch großzügige Beiträge Kölner und auswärtiger Stifter eine bedeutende Gemäldegalerie, das Wallraf-Richartz-Museum, benannt nach dem ersten großen Stifter von Kunstgegenständen, Ferdinand Franz Wallraf, und dem Stifter des ersten eigenen Museumsgebäudes, Johann Heinrich Richartz. Diese Kölnische Kunstsammlung war von Beginn an auch der Sammlung zeitgenössischer Kunst gewidmet, deren Höhepunkt wohl im Jahre 1956 mit der umfangreichen Stiftung des Kölners Josef Haubrich erreicht wurde. Dieser Teil des Bestandes - genauer die Werke der Künstler, welche nach 1900 geboren wurden -, wurde mit der Gründung des Museums Ludwig 1976 an dieses übergeben. Das heute hier gezeigte Werk ist daher jetzt das jüngste Gemälde des Wallraf-Richartz-Museums: Max Slevogt, Kirschenernte, Blick von Neukastel nach Süden (Wallraf-Richart-Museum, WRM 2361, Öl auf Leinwand, 90,5 x 116 cm). Max Slevogt, 1868 in Landshut geboren und 1932 im pfälzischen Neukastel gestorben, wird zusammen mit Max Liebermann und Lovis Corinth (BILD DER 20. WOCHE 1998) zu den Vertretern des deutschen Impressionismus gezählt. Wegen seiner Vielseitigkeit in den Bildthemen und in der Wahl der künstlerischen Mittel kann diese Zuordnung jedoch mißverständlich wirken. Slevogt bekannte sich zwar zum Impressionismus, faßte ihn jedoch weiter als die französischen Maler, indem er die Darstellung des landschaflichen Eindruckes durch Elemente der Phantasie erweiterte. Mit der Landschaft seiner näheren Heimat, der Landschaft um seinen Wohnort Neukastel, hat sich Slevogt sehr häufig beschäftigt. Die "Kirschenernte" zeigt einen Blick aus dem Fenster eines zu seinem Hofgut Neukastel gehörenden Turmes. Im Vordergrund sind mit schneller Pinselschrift die Kirschbäume wiedergegeben, rechts, vom unteren Bildrand angeschnitten, zeigt sich eine Bäuerin, die einen mit Kirschen gefüllten Korb davonträgt. Dahinter öffnet sich ein weiter Ausblick auf die Rheinebene mit dem am Fuß des Berges liegenden Dorf Leinsweiler, das von Weingärten umgeben ist. Die angrenzenden Höhen des Wasgenwaldes schließen die Komposition rechts ab und bilden ein Gegengewicht zu der Krone des Kirschbaumes links. In nervöser, expressiver Pinselschrift hat Slevogt die Momentaufnahme eines pfälzischen Herbsttages geschaffen. Ganz dem Augenblick verhaftet, ist die Landschaft doch mit sicherem Gespür für Konstruktion ins Bild gesetzt worden. Es existiert von demselben Motiv noch eine kleinere Ölskizze, die sich ehemals in der Sammlung Kohl-Weigand befunden hat, und heute dem Saarlandmuseum in Saarbrücken gehört. Ein Bild zum Thema Kirschblüte finden Sie im BILD DER 17. WOCHE 1998.

T. NagelG. Czymmek