Max Ernst

Bild 19. Woche - 4. bis 11. Mai 1998

Max Ernst - Printemps à Paris / Frühling in Paris, 1950, Öl auf Leinwand, 113 x 89 cm, Museum Ludwig, ML/Dep. 275, © VG Bild-Kunst, Bonn 1998
Sommer 1947. Max Ernst und Dorothea Tanning mit der Max Ernst-Skulptur "Capricorn" im Garten ihres Hauses in Sedona / Kalifornien. (Photo: John Kasnetsis)
Dorothea Tanning, im Frühling 1950 auf der Dachterrasse der Atelierwohnung am Quai Saint-Michel aufgenommen. Im Hintergrund die Dächer von Paris. (Photo: Max Ernst)

Der Künstler Max Ernst ist vor allem durch seine surrealistischen Bildern bekannt geworden. Max Ernst wurde 1891 in Brühl bei Köln geboren. Ende der dreißiger Jahre flüchtete er vor dem nationalsozialistischen Terror nach Amerika. 1949/50 kehrte Max Ernst nach über zehn Jahren zum ersten Mal wieder für einige Monate nach Europa zurück. Er wurde von seiner Frau Dorothea Tanning begleitet, einer jungem amerikanischen Malerin, er 1946 geheiratet hatte. In seinen biographischen Notizen hielt Max Ernst fest: "Zu Schiff von New Orleans nach Europa zurück. Wiedersehen mit Paris. Gemischte Gefühle." 1953 ließ sich der Künstler endgültig in Frankreich nieder. 1958 erwarb er die französische Staatsbürgerschaft. Ab 1963 lebten Max Ernst und seine Frau in Seillans in Südfrankreich. Den Frühling des Jahres 1950 verbrachte das Paar in Paris, wo in der Galerie René Drouin die erste große Nachkriegsausstellung der Werke Max Ernsts gezeigt wurde. Während dieses Aufenthalts entstand das Bild "Printemps à Paris"(Frühling in Paris), das Ernst in dem Atelier am Quai Saint-Michel malte, das er zeitweise gemietet hatte. Formal steht das Werk mit seinen klaren, den Skulpturen des Künstlers nachempfundenen Formen in denkbar größtem Kontrast zu dem biomorphen Charakter der Bilder, die Max Ernst vor dem Krieg geschaffen hatte. Das Gemälde zeigt zwei weiblich anmutende Gestalten in perspektivisch dargestelltem Abstand, der eine biographische Deutung zuläßt: die Frau im Hintergrund des Bildes gehört der Vergangenheit an, während die andere, die Gegenwart repräsentierend, im Vordergrund steht. Der zweifarbige kleine Kopf links oben im Bild trägt die maskenhaften Züge des "Loplop", der Lieblingsfigur Max Ernsts, in der er sich häufig selbst porträtierte. Er wird durch kräftige Linien, wie durch starke Fäden, mit der Figur im Vordergrund verbunden, deren palettenartige Kopfbedeckung auf die Identität der Malerin Dorothea Tanning hinweist. In seiner klaren Farbigkeit, den schwebenden Blautönen und dem aktiven, leuchtenden Rot vermittelt das Bild dem Betrachter etwas von dem Empfinden der Leichtigkeit und dem Esprit des Pariser Frühlings, vor allem aber von der Zuneigung und der strahlenden Heiterkeit, mit der die junge Frau in jenen Tagen das Leben des Malers erfüllte.

B. Herrmann