O weh! da sind ja schon keine Kirschblüten mehr dran

Bild der 17. Woche - 20. bis 27. April 1998

Takebe Sôchô (1761-1814) - 'Bei der Blütenschau' Mit eigener Haiku-Aufschrift, Leichte Farben auf Papier, 36,2 x 41,1 cm, Japan, Edo-Zeit (1603-1868); Sammlung Masuda Shôzaburô, Tôkyô; Foto: Kathrine Wetzel, Richmond/Takao Suzuki, Kyôto

Haiku-Aufschrift: Von ferne gesehn: o weh! da sind ja schon keine Kirschblüten mehr dran Sekiya Sôchô Die Bewunderung der Japaner für die Kirschblüte, im Japanischen sakura, kann bis in früheste Schriftstücke zurückverfolgt werden. Zu einer Art 'nationalen Blüte' wurde die Kirschblüte im Laufe des 10. Jahrhunderts. Während dieser Zeit wuchs sie nicht nur zu einem beliebten Thema in der Malerei, besonders in den Bildern im yamato-e-Stil, der Malerei im japanischen Stil, heran. Sondern auch in Dichtung und Prosa erfreute sie sich großer Popularität und wurde dort häufig nur 'Die Blüte', hana, genannt. Im 10. Jahrhundert entstand auch der Brauch, zur Kirschblütenzeit Blütenschau-Zeremonien abzuhalten, die zunächst überwiegend von den Angehörigen der Aristokratie veranstaltet wurden, sich aber nach und nach unter der gesamten Bevölkerung großer Beliebtheit erfreuten. Diese Tradition hat sich bis heute fortgesetzt, so daß man sich jedes Jahr wenn die Kirschblüte beginnt, zum sogenannten hanami (wörtlich 'zur Blütenschau gehen') aufmacht. Zur Zeit der Kirschblüte finden überall in Parks und Grünanlagen unter den blühenden Kirschbäumen fröhliche Zusammenkünfte statt. Ob Arbeitskollegen, Freunde oder Schulkassen, alle treffen sich dort, ausgerüstet mit Getränken, Speisen und Musik, um die Kirschblüte und den Beginn des Frühjahrs zu feiern. Auch das ältere Ehepaar, das Takebe Sôchô hier in seinem Haiga, dem Haiku-Bild, eingefangen hat, befindet sich auf dem Weg zu einer Blütenschau. Der Mann trägt seine alte Mutter auf dem Rücken zum Fest, seine Frau folgt ihm, eine Kalebasse mit Sake, dem japanischen Reiswein, haltend. Obwohl Sôchô keinen einzigen Kirschbaum gezeichnet hat, weiß der Leser aufgrund des Kurzgedichts Haiku, daß die Gruppe zur Blütenschau unterwegs ist. Die Kalligraphie des Haiku hat Sôchô so geschickt auf das Blatt gesetzt, daß man den Eindruck bekommt, als würde man darin die herunterfallenden Blütenblätter erkennen. Sôchô hat es mit seiner humorvollen Art verstanden, diese Szene in einer sehr karikierenden Weise festzuhalten. Mit wenigen Tuschestrichen fängt er das Erstaunen des Paares sowohl in den Gesichtszügen als auch in der Körperhaltung so treffend ein, daß die Situation auf den Betrachter recht erheiternd wirkt.

M. Retterath