500 Jahre und unscheinbar - Selbstbiographie einer Fliege

Bild der 14. Woche - 30. März bis 6. April 1998

Meister des Bartholomäus-Altares, Thomas Altar, um 1498/1499, Wallraf-Richartz-Museum, WRM 179
Detail des Bartholomäus-Altares
links: Vera Ikon, Kölnisch um 1400/1410, Wallraf-Richartz-Museum, Köln, WRM 19, 31,5 x 30 cm rechts: Detail aus dem Turiner Grabtuch originale Aufnahme hier negativ wiedergegeben

Ich erinnere mich nicht mehr genau an den Tag, aber es dürfte wohl in den nächsten Wochen so weit sein, daß ich meinen 500. Geburtstag feiere. Neben ein paar Kollegen auf anderen Gemälden und den armen Vorfahren im Bernstein gehöre ich wohl zu den ältesten meiner Art. Seit dem 3. Juli 1498 sitze ich offiziell auf dem rechten Innenflügel eines Altares. An diesem Tag war das Fest des Heiligen Thomas, des Altarpatrones, aber natürlich malte mich mein Maler schon Wochen früher. Es war übrigens der Meister persönlich, nicht der Geselle wie beim Brokatvorhang hinter den beiden Heiligen. Ich fand es auch hoch anständig, daß er mich neben das Feuer der heiligen Afra setzte, denn in der Karthäuserkirche zu Köln war es nicht unbedingt immer warm. Damals nannte man mich fleug oder wie der Stifter meines Altares, der gebildete Jurist Dr. Peter Rink, lateinisch sagte: musca. Thomas und ich sind nicht allein. Zu unserer Gruppe gehören noch die Heiligen Helena, Hieronymus, Ambrosius, Maria Magdalena, Johannes der Evangelist, Hippolyt, Afra, Ägidius, Maria Ägyptiaca, sieben Engel, die Heiligen Symphorosa und Felicitas mit ihren 14 Kindern und Maria, die Muttergottes. In der Mitte steht Christus mit Gott Vater und dem Heiligen Geist. Ich glaube es übrigens nicht, daß man mich hier hinsetzte als Symbol des Teufels, des Gottes der Fliegen, oder um fromme Frauen zu erschrecken. Mein Meister hatte schon immer eine Vorliebe für realistische Darstellungen, wie ihr deutlich am heiligen Thomas selbst sehen könnt. Und da in seiner Werkstatt wie überall auch wir Fliegen als die ältesten Haustiere der Welt lebten, malte er mich hier hin. Wie mein Meister heißt, wollt ihr wissen? Na vielleicht hebe ich mir die Preisgabe dieses Details für meinen 600. Geburtstag auf. Es reicht, wenn ihr ihn Meister des Bartholomäus-Altares nennt. Vielleicht kommt ihr mich und den heiligen Thomas und alle die anderen Heiligen meines Altares einmal besuchen ach ja, natürlich nicht mehr in der Karthäuserkirche St. Barbara zu Köln. Seit genau 130 Jahren wohne ich im Heim: Wallraf-Richartz-Museum zu Köln, 1. Etage, wenn ihr hochkommt sofort rechts.

T. Nagel