Vera Ikon - Die Darstellung des Gesichtes Christi

Bild der 15. Woche 6. bis 13. April 1998

Turiner Grabtuch, originale Aufnahme hier negativ wiedergegeben

In dieser Woche, der sogenannten ‘Karwoche’, gedenken die Christen der westlichen Kirchen des Leidens und des Todes Jesu Christi. Dieses Thema hat in der Kunst der letzten 2000 Jahren nicht nur Ausdruck gefunden in Darstellungen der Geißelung, der Dornenkrönung, der Kreuztragung oder der Kreuzigung. Es enstanden darüberhinaus Themen, welche der Andacht dienten, d. h. welche den Betrachter in die persönliche Konfrontation mit dem leidenden Christus stellen wollten. Eines dieser Themen ist das sogenannte ‘Vera Ikon’ (lateinisch: ‘das wahre Bild’). Der Legende nach prägte sich das Gesicht des leidenden Christus auf einem Tuch ab, welches ihm die Heilige Veronika als Schweißtuch auf dem Weg zum Kreuz reichte. Ein derartiges Tuch, das sogenannte ‘Mandylion’, wurde seit dem ersten Jahrhundert im byzantinischen Reich verehrt und prägte die Darstellung des Christuskopfes auf dem Vera Ikon: Mittelscheitel, zweigeteilter Bart, drei kleine Haarstränen auf der Stirn. Heute kennen wir auch ein vergleichbares Tuch, das Turiner Grabtuch. Dieses zeigt die Vorder- und Rückseite eines gegeißelten, mit Dornen gekrönten und gekreuzigten Mannes als Negativbild. Während die nachweisbare Geschichte des Turiner Grabtuches um 1350 beginnt, verliert sich die Spur des Mandylion im Jahre 1204. In seinem Buch ‘Eine Spur von Jesus’ (Freiburg, Basel, Wien 1980, ISBN 3-451-18788-4) beschäftigt sich Ian Wilson mit der Geschichte beider Tücher und führt Indizien für die Identität beider an. So läßt sich unter anderem am Turiner Grabtuch zeigen, daß dieses über Jahrhunderte in derartiger Weise gefaltet war, so daß es nur den Kopf Christi zeigte. Während sich die auf das Mandylion zurückgehende Darstellungsweise des Christuskopfes über Byzanz auch in die westliche Malerei ausbreitete (s. Bild links), könnte mit dem Turiner Grabtuch auch das ‘originale Vera Ikon’ tradiert worden sein. Auch in der reichen Literatur des Mittelalters fand die Verehrung des ‘Vera Ikon’ ihren Ausdruck (z. B. Arnulph von Löwen, gestorben 1250): O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz bedeckt mit Hohn, o Haupt, zum Spott umwunden mit einer Dornenkron, o Haupt, sonst schön gekrönet mit höchster Ehr’ und Zier, jetzt aber frech verhöhnet, gegrüßet seist du mir! Du edles Angesichte, davor sonst schrickt und scheut, das große Weltgerichte, wie bist du so bespeit! Wie bist du so erbleichet! Wer hat dein Augenlicht, dem sonst kein Licht mehr gleichet, so schändlich zugericht?

T. Nagel