Geburtstagsbild für Charlotte

Bild der 20. Woche - 11. bis 18. Mai 1998

Lovis Corinth, Geburtstagsbild, Großes Stilleben mit Figur, 1911, Leinwand, 150,5 x 200 cm; Wallraf-Richartz-Museum, Köln, WRM 2861
Frans Snyders, Stilleben mit Geflügel und Wildbret, 1614, Öl auf Leinwand, 156 x 218 cm; Wallraf-Richartz-Museum, Köln, WRM 2894

Was würden Sie sagen, wenn Ihnen als Geburtstagsgeschenk ein Tisch mit totem Wild und aufgeschnittenen Fischleibern präsentiert würde? Der Anblick würde wahrscheinlich keine große Begeisterung auslösen und durch die Früchte und Blumen im Hintergrund kaum gemildert. Nur jemand, der sich die mit den abgebildeten Ingredienzen herstellbaren kulinarischen Genüsse vorstellen kann, würde sich mit demselben Ausdruck freudiger Überraschung nähern, den die Frauengestalt in unserem Gemälde an den Tag legt. Sie trägt die Gesichtszüge der Ehefrau von Lovis Corinth, Charlotte. Das Bild wurde ihr, wie in der altmeisterlich lateinisch verfaßten Signatur bemerkt wird, 1911 gewidmet. 1951 wurde es für die Sammlungen des Wallraf-Richartz-Museums erworben. Die Verwandtschaft des Bildes mit niederländische Stilleben, wie sie im Wallraf-Richartz-Museum etwa durch die Prunkstilleben von Frans Snyders (1679-1657) vertreten sind, ist nicht zufällig. Lovis Corinth hat die niederländische Malerei sehr intensiv studiert und manches daraus kopiert. Die dekorative "Auslage" der Tiere, Früchte und Blumen auf einem gedeckten Tisch findet sich auch auf den niederländischen Bildern. Was damals aber mit höchstem Detailreichtum der Wiedergabe und perspektivischer Raffinesse ins Bild gesetzt wurde, wird hier eher summarisch behandelt. Die Wirkung des Bildes beruht vor allem auf seiner dynamischen Ausstrahlung, die durch die regellose Ordnung der Tiergliedmaßen und die schwungvolle Bewegung der Frau im Hintergrund erzeugt wird. Beides steht in gewolltem Kontrast zu dem hellgedeckten Tisch, der das Durcheinander der Objekte kontrapunktiert und die Bewegung der Frau barriereartig abfängt. Menschen gehören an sich nicht in ein Stilleben; hier aber erhält das Bild durch die Frauengestalt räumliche Tiefe. Sie übernimmt so eine wesentliche, formale Funktion. Zudem bündeln sich in ihrem unbekleideten Oberkörper die über das Stilleben verstreuten hellen Farbtöne. Da an dieser Stelle der Hintergrund und die rechte Seite in dunklen Farben gehalten sind, tritt der Frauenkörper besonders kräftig hervor und unterstreicht die Räumlichkeit der Komposition. Trotz des meisterhaften Bildaufbaus läßt uns der Maler über die inhaltliche Aufgabe der Frauengestalt im Unklaren. Sie ist wohl damit beschäftigt, die Vase an ihrer Seite mit Blumen aufzufüllen, oder sie winkt mit ausholender Geste dem Betrachter (oder der beschenkten Gattin von Corinth) zu. Die Unbestimmtheit der Funktion geht Hand in Hand mit der impressionistischen Malweise des Künstlers. Die Farbe ist flüssig aufgetragen, ohne auf eine allzu exakte Detailwiedergabe Rücksicht zu nehmen. Alles ist dazu angetan, den flüchtigen Eindruck - eben die Impression des Augenblicks -festzuhalten. Lovis Corinth, der 1858 in Tapiau (Ostpreußen) geboren wurde, ist einer der zentralen Persönlichkeiten des deutschen Impressionismus. Sein umfangreiches Werk ist eher durch Figurenkompositionen als durch Stilleben bestimmt. Sie entstanden zunächst nur vereinzelt und meist als Reflex auf Eindrücke von niederländischen Altmeistern. Erst nach seinem Schlaganfall 1911 wurden Blumenstilleben ein bevorzugtes Motiv. 1925 starb Lovis Corinth in Zandvoort (Holland). Sein "Geburtstagsbild" im Wallraf-Richartz-Museum ist ein sicher eigenwilliges, aber auch großartiges Zeugnis seiner künstlerischen Sprache

R. Neu-Kock