Anselm Kiefer - Die goldene Bulle

Bild der 13. Woche - 23. bis 30. März 1998

Anselm Kiefer (geb. 1945), "Die goldene Bulle", 1995, Öl auf Leinwand, 3,80m x 5,60m, Museum Ludwig ML/Dep 7213, Dauerleihgabe der Sammlung Sylvia und Ulrich Ströher
Der Nohoch Mul in Cobá Bildnachweis: Gendrop, Paul / Heyden, Doris "Weltgeschichte der Architektur. Mittelamerika. Die alten Kulturen." Stuttgart 1988, S. 87 Abb. 109

Seit dem 10. Februar 1998 ist in der Galerie des Museum Ludwig "Die goldene Bulle", eine Arbeit von Anselm Kiefer aus dem Jahre 1995, zu sehen. Das Gemälde gehört zu einer Reihe von Bildern, zu denen Kiefer durch eine Mexikoreise angeregt wurde. Es zeigt eine monumentale Treppenpyramide aus der Maya-Region Cobá (s. kleine Abbildung). Das stark aus Untersicht wiedergegebene Gebäude nimmt nahezu die gesamte Bildfläche ein, so daß für den Betrachter der Eindruck erweckt wird, am Fuße der Pyramide zu stehen. Die immensen Ausmaße des Werkes von 3,80m x 5,60m und der massige, reliefartige Farbauftrag, der die Mauerstruktur der Pyramide nachvollzieht, verstärken die Präsenz der Arbeit und damit die Wirkung auf den Betrachter. Der Titel des Werkes spielt auf die 1494 erlassene Bulle des Papstes Alexander VI. (Mitglied der Familie Borgia) an, in der die Aufteilung der Neuen Welt zwischen Spanien und Portugal geregelt wird. Eine Linie aus Blattgold, die die Pyramide, den Rhythmus der Stufen folgend, von oben nach unten durchschneidet, repräsentiert die Idee einer durch den Papst geteilten Welt. Noch heute erinnert uns die Zweisprachigkeit Südamerikas an die damalige Manipulation der Geschichte, deren Opfer die indianische Urbevölkerung wurde. Bis in die 80er Jahre hinein befaßte sich Kiefer in seiner Kunst vorwiegend mit der Verarbeitung germanischer Mythen und Kulte. Seit der Künstler sich verstärkt mit der Mythologie anderer Völker beschäftigt, wie der ägyptischen oder hier der Maya-Kultur, wird seine Herangehensweise klarer: Kiefer versteht sich vor allem als Fortschreiber der Geschichte. Als ein Künstler, der sich mit der Lesbarmachung des Verschütteten und der Suche nach Allgemeingültigkeiten von Mythologie und Symbol beschäftigt. Kiefer selbst sagt: "...Man kann doch immer nur ein keines Steinchen zu dem beitragen, was schon da ist; Wagners "Rheingold" ist lediglich eine kleine Fortführung eines Mythos, der schon da war. Das alles ist doch nur eine Mitarbeit an einem großen Gesang, der immer weitergeht."

N. Bischoff