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Zum meteorologischen Herbstbeginn: Krasners Vernal Yellow

Bild der 35. Woche - 28. August bis 3. September 2023

Lee Krasner, Vernal Yellow (Frühlingsgelb), 1980, Öl, Collage auf Leinwand, 149,8 x 177,8 cm, Sammlung Ludwig, ML 1342, Erworben 1981, © VG Bild-Kunst, Bonn 1998

In den mittleren fünfziger Jahren begab sich die renommierte Künstlerin Lee Krasner auf eine faszinierende kreative Reise, bei der sie verworfene Zeichnungen und Gemälde in collagierten Ölbildern neu zum Leben erweckte. Doch es sollte fast ein Vierteljahrhundert dauern bis sie diese Technik erneut aufgriff und in einer Werkreihe präsentierte, die 1980 unter dem Titel "Solstice" (Sonnenwende) in der New Yorker Pace Gallery ausgestellt wurde. Ein herausragendes Werk aus dieser Reihe ist das faszinierende Gemälde "Frühlings-Gelb", das uns in eine Welt der künstlerischen Vielfalt und Naturverbundenheit entführt.

In "Frühlings-Gelb" verschmelzen verschiedene Elemente zu einem harmonischen Ganzen. Lee Krasner integrierte zerschnittene Fragmente figurativer Kohlezeichnungen aus den dreißiger Jahren sowie ungegenständliche, gestisch ausgeführte Lithographien aus den "Pink Stone" und "Gold Stone"-Serien von 1969 in die Leinwand. Diese Fragmente verschmelzen nahtlos mit Weiß, verschiedenen Rosa-, Rot-, Gelb- und Grüntönen, die die Leinwand zieren. Das Ergebnis ist eine Komposition, die die gesamte Bildfläche gleichwertig ausfüllt und die Dynamik und Vitalität des Abstrakten Expressionismus à la Jackson Pollock widerspiegelt.

Betrachtet man das Gemälde genauer, enthüllt sich eine faszinierende Spannung zwischen Linie und Farbe, Abstraktion und Figuration, Fläche und Raum. Runde Formen, die an Blütenblätter oder Brüste erinnern, sind locker um eine imaginäre Mittelachse angeordnet, die ihre Entsprechung in den vertikalen Begrenzungen an den seitlichen Rändern findet. Diese organischen Formen rufen Assoziationen an die Werke von Willem de Kooning und Arshile Gorky hervor, bei denen figurative Anspielungen ebenfalls nur subtil zum Ausdruck kommen. Gleichzeitig spürt man die Inspiration durch die Scherenschnitte von Henri Matisse und den Kubismus von Pablo Picasso, die in "Frühlings-Gelb" auf wunderbare Weise zum Ausdruck gebracht werden.

Dieses Kunstwerk verweist nicht nur auf künstlerische Einflüsse, sondern auch auf kosmische und biografische Elemente. Lee Krasner ließ sich von Igor Strawinskys "Le Sacre du Printemps" inspirieren und setzte sich intensiv mit dem Verlauf der Jahreszeiten auseinander. Der Titel "Vernal" bezieht sich auf die Frühlings-Tagundnachtgleiche am 21. März, während die Sonnenwende am 21. Juni den Höhepunkt des Sonnenzyklus markiert, den Moment der am weitesten gespannten Grenzen des natürlichen Kreislaufs. In einem Interview drückte Krasner ihr tiefes Verhältnis zur Natur aus:

"Ich habe mindestens die Hälfte meines Lebens auf dem Land gelebt, in der Nähe des Meeres. Ich sitze immer noch auf der hinteren Veranda und beobachte den Himmel und das Wasser...Ich nehme die Farben des Frühlings und des Herbstes wahr. Deshalb sind "Frühlings-Gelb", "Herbst-Rot", "Flut" und "Ebbe" (alle von 1980) "...tägliche Erfahrungen für mich."

"Frühlings-Gelb" ist somit nicht nur ein Meisterwerk der abstrakten Kunst, sondern auch eine tiefgreifende Verbindung zwischen Krasners künstlerischer Vision und ihrer innigen Beziehung zur Natur. Es erinnert uns daran, wie die Kunst in der Lage ist, die Essenz unseres Daseins und die Schönheit der Welt um uns herum auf einzigartige Weise einzufangen. In diesem Gemälde finden wir eine Brücke zwischen der kreativen Seele der Künstlerin und der unendlichen Inspiration der Natur.

C. FunkeA. Borggrefe