Ein Nürnberger Fayenceteller aus der Sammlung Igo Levi

Bild der 21. Woche - 24. Mai bis 30. Mai 2021

Teller mit Flusslandschaft,Nürnberg, Bemalung von Adam Schuster, datiert 6. März 1719, Museum für Angewandte Kunst Köln, Inv. E 3848
Foto: Rheinisches Bildarchiv, Köln/Marion Mennicken

Was ist Provenienzforschung und warum ist sie so wichtig?

Die Provenienzforschung widmet sich der Erforschung der Geschichte der Herkunft von Kunstwerken und Kulturgütern und ist ein wichtiger Bestandteil der Arbeit an den Kölner Museen. Zunächst diente sie der Klärung von Zuschreibungen und Authentizität von Kunstwerken. Im Mittelpunkt der Provenienzforschung steht heute jedoch die Identifizierung sogenannter Raubkunst als Grundlage sowohl für die Rückgabe von NS-Raubkunst als auch von Objekten aus dem kolonialen Unrechtskontext. In einer thematischen Reihe geben wir Ihnen am Beispiel einige Objekte aus den Sammlungen der Kölner Museen einen Einblick in die Arbeit der Provenienzforschenden.

Der Kunstsammler Igo Levi und süddeutsche Fayencen im Museum für Angewandte Kunst Köln

Dieser Teller mit Flusslandschaft entstand im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts in der Nürnberger Fayencemanufaktur, die erst einige Jahre zuvor gegründet worden war. Auf der Rückseite trägt er die Signatur von Adam Schuster und das Datum 6. März 1719, an dem Schuster das Dekor in feiner Blaumalerei auf der cremeweißen Zinnglasur vollendet hat. Der Teller gehört zu den frühesten datierten Erzeugnissen, die sich aus der Nürnberger Manufaktur erhalten haben.
Das Werk zählt zu einer Gruppe von süddeutschen Fayencearbeiten, die im September 1938 in die Sammlung des MAKK, damals noch Kunstgewerbemuseum genannt, gelangten. Sie stammen aus dem Besitz des Nürnberger Unternehmers und Fayencesammlers Igo Levi (1887–1961) und stehen damit beispielhaft für die zahlreichen Kulturgüter aus jüdischem Besitz, die ihren vom NS-Regime verfolgten Eigentümer*innen zwischen 1933 und 1945 verfolgungsbedingt entzogen wurden und sich heute in öffentlichen Sammlungen befinden. Die Herkunftsgeschichte vieler dieser Objekte ist bisher ungeklärt und wird die Provenienzforschung weiter beschäftigen. Am Museum für Angewandte Kunst Köln werden aktuell in einem vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Forschungsprojekt die Erwerbungen 1933–1940 systematisch untersucht, um Verdachtsfälle aufzuklären und faire und gerechte Lösungen mit den rechtmäßigen Eigentümer*innen bzw. deren Nachkommen zu finden. Für die Fayencen aus der Sammlung Levi wurde bereits in den 1950er Jahren eine einvernehmliche Regelung mit dem Sammler getroffen, der sich und seine Familie 1939 in die Schweiz hatte retten können.

Seit dem Sommer 1938 bemühte sich der Generaldirektor der kunstgewerblichen Sammlungen der Stadt Köln, Dr. Adolf Feulner (1884–1945), Werke aus der Nürnberger Privatsammlung zu erwerben. Dazu nahm er die Hilfe von Kölner Sammlern in Anspruch, die ihn bei den Verhandlungen und wohl auch finanziell unterstützten. Schließlich gelang Feulner im September des Jahres der Ankauf von 22 Fayencen aus der Sammlung Levi, darunter auch der Nürnberger Teller. Ob und inwieweit ein Kölner Kunsthändler als Mittler auftrat, lässt sich aufgrund der lückenhaften Quellenlage heute nicht mehr sagen. Auf die Initiative seines Generaldirektors hin hatte das Kölner Kunstgewerbemuseum jedenfalls ein lohnendes Geschäft gemacht, bevor Igo Levi wenige Monate später seiner verbleibenden Sammlung beraubt werden sollte:

Während der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde Igo Levi in seiner Nürnberger Wohnung von Mitgliedern der „Deutschen Arbeitsfront“, einer Organisation der NSDAP, überfallen und in das Konzentrationslager Dachau bei München verschleppt. Als er nach mehreren Wochen aus der Haft entlassen wurde, musste er seine zwischenzeitlich beschlagnahmte Fayencesammlung in einer Verfügungsbescheinigung abtreten und selbst noch ein Inventar erstellen, das als Grundlage für den geplanten Verkauf der 465 gelisteten Objekte diente. Aus diesem Bestand gelangten über den Krieg ebenfalls drei Fayencen in das Kölner Kunstgewerbemuseum. Sie wurden 1951 an Igo Levi restituiert, der sich seit Ende des Krieges bemüht hatte, die ihm entzogenen und durch Verkauf zerstreuten Fayencen wiederzufinden.

Auch die Erwerbungen von September 1938 forderte Igo Levi zurück. Es bestand ein Anspruch, denn auch ohne einen Entzug durch offizielle Stellen war für alle Ankäufe aus jüdischem Besitz während der NS-Herrschaft bei Rückforderung ein Nachweis zu erbringen, dass der Verkauf aus freien Stücken erfolgt war. Dies war dem Museum nicht möglich. Faire Geschäfte waren 1938 für jüdische Verkäufer kaum noch zu erwarten. In diesem Jahr spitzte sich die Lage der jüdischen Bevölkerung unter der Verfolgung durch das NS-Regime ein weiteres Mal zu, auch bereits vor den gewalttätigen Ausschreitungen im November.

Dennoch war Igo Levi – das lässt sich dem erhaltenen Briefwechsel mit dem Museum entnehmen – ganz vorrangig an einer einvernehmlichen und gütlichen Lösung gelegen. Eine gerichtliche Auseinandersetzung wollte er auf keinen Fall. Der Sammler verständigte sich mit dem Kunstgewerbemuseum schließlich auf eine großzügige Regelung zugunsten des Museums: Drei Fayencen aus dem im September 1938 angekauften Konvolut wurden an Igo Levi zurückgegeben, dafür verzichtete er auf alle weiteren Ansprüche gegenüber der Stadt Köln. Auf diese Weise gelangten der Fayenceteller mit Flusslandschaft und 18 weitere Arbeiten mit der Provenienz „Sammlung Igo Levi“ endgültig und rechtmäßig in die Bestände des MAKK.

I. Metje