Ein rätselhafter jüdischer Hochzeitsring

Bild der 17. Woche - 26. April bis 2. Mai 2021

©️ Hauke Arnold, Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie.

Was ist Provenienzforschung und warum ist sie so wichtig?

Die Provenienzforschung widmet sich der Erforschung der Geschichte der Herkunft von Kunstwerken und Kulturgütern und ist ein wichtiger Bestandteil der Arbeit an den Kölner Museen. Zunächst diente sie der Klärung von Zuschreibungen und Authentizität von Kunstwerken. Im Mittelpunkt der Provenienzforschung steht heute jedoch die Identifizierung sogenannter Raubkunst als Grundlage sowohl für die Rückgabe von NS-Raubkunst als auch von Objekten aus dem kolonialen Unrechtskontext. In einer thematischen Reihe geben wir Ihnen am Beispiel einige Objekte aus den Sammlungen der Kölner Museen einen Einblick in die Arbeit der Provenienzforschenden.

Der Kunsthändler Hermann Feit und ein jüdischer Hochzeitsring im Kölnischen Stadtmuseum

In der jüdischen Hochzeitszeremonie nimmt der Ring eine zentrale Rolle ein: Im Anschluss an die Unterzeichnung des Ehevertrags (Ketuba) durch den Bräutigam – im nicht-orthodoxen Judentum auch der Braut – werden Braut und Bräutigam unter einem Baldachin (Chuppa) getraut. Nach dem Sprechen der Segenssprüche wird der Braut der Ring über den Zeigefinger gestreift. In den nicht-orthodoxen Strömungen werden die Ringe oftmals getauscht. Mit dem Anstecken des Ringes ist die Ehe vollzogen. Die ältesten erhaltenen jüdischen Hochzeitsringe stammen aus Colmar, Weißenfels und Erfurt. Der Ring aus Erfurt wurde erst 1998 bei Bauarbeiten gemeinsam mit weiteren bedeutenden Objekte gefunden.

Auch im Bestand des Kölnischen Stadtmuseum befinden sich einige jüdische Hochzeitsringe. Einen davon kauft das Rheinische Museum, die Vorgängerinstitution des heutigen Stadtmuseums, 1928 vom Kölner Kunsthändler Hermann Feit an. Der Ankauf des Rings fällt mitten in eine Zeit, in der das noch junge Rheinische Museum, dessen Gründung auf die 1925 stattgefundene Jahrtausend-Ausstellung zurückgeht, eine Judaica-Sammlung aufbaut. Heute umfasst diese Sammlung über 350 Objekte.
Viele dieser Objekte kauft das Museum bei dem jüdischen Kunsthändler Hermann Feit an, dem ab 1935 aufgrund seines jüdischen Glaubens von den Nationalsozialisten ein Berufsverbot auferlegt wird. Feit kann 1939 mit seiner Familie in die USA emigrieren, wo er 1941 stirbt.

Stellt man den Kölner und den Erfurter Ring einander gegenüber, so fällt deren frappierende Ähnlichkeit sofort ins Auge. Beide Ringe sind gleich groß, bestehen aus einer schmalen goldenen Ringschiene mit zwei liegenden Fabelwesen bzw. plastisch geformten Drachen. Der Ringkopf stellt ein Miniaturgebäude dar, das von Kopf und Pranken der Fabelwesen gestützt wird. Das Gebäude hat die Form eines sechsseitigen Gebäudes, das von einem ebenfalls sechsseitigen Pyramidendach mit Kreuzblume bekrönt wird. Auf dem Dach die Inschrift Mazel tow.
Die verblüffende Ähnlichkeit in Anlage und Komposition wirft allerdings drängende Fragen auf. Handelt es sich bei dem Kölner Ring, der lange Zeit auf das 19. Jahrhundert datiert wurde, vielleicht doch um einen mittelalterlichen Ring?
Erst eine eingehende Untersuchung ergab das Ergebnis: Der Ring stammt definitiv aus dem 19. Jahrhundert. Der große Anteil an Cadmium, nachgewiesen in den Lotstellen, lässt keinen Zweifel offen: Cadmium wurde erst 1817 entdeckt und dann im Laufe des 19. Jahrhunderts als Lotzusatz eingesetzt, was eine mittelalterliche Entstehung ausschließt.

Wie lässt sich nun aber die motivische Ähnlichkeit der beiden Ringe erklären, wo doch der Erfurter Ring im 19. Jahrhundert noch tief in thüringischer Erde vergraben war und demnach nicht als Vorbild dienen konnte?

Vermutlich existierte zur Entstehungszeit des Kölner Rings im 19. Jahrhundert noch eine gewisse Zahl an mittelalterlichen Ringen dieser Machart, die in der Zeit des Historismus als beliebte Vorbilder – auch für den Kölner Ring – aufgegriffen wurden. Vielleicht handelte es sich bei dem erhaltenen Ringtypus sogar um einen Haupttypus mittelalterlicher Hochzeitsringe, die dann möglicherweise erst unter den Nationalsozialisten zerstört wurden.
Zu diesen Fragen reiht sich auch die größte, die abschließend wohl unbeantwortet bleiben muss: Welcher Ring diente dem Kölner Ring konkret als Vorbild?

S. Lewejohann