Audienz beim Kaiser von China

Bild der 22. Woche - 31. Mai bis 6. Juni 2021

"Im Inneren des Kaiserhofes", Kupferstichillustration aus: Johan Nieuhof, L’Ambassade de la Compagnie orientale de Provinces Unies vers l’Empereur de la Chine ou Grand Cam de Tartarie, Amsterdam 1665, Nachlass H.W. Siegel, Re 2020,2, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln, Marion Mennicken.

"Im Inneren des Kaiserhofes", Kupferstichillustration aus: Johan Nieuhof, L’Ambassade de la Compagnie orientale de Provinces Unies vers l’Empereur de la Chine ou Grand Cam de Tartarie, Amsterdam 1665, Nachlass H.W. Siegel, Re 2020,2, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln, Marion Mennicken.

Ein weitläufiger, streng symmetrischer in nord-südlicher Ausrichtung angelegter Platz, der auf drei Seiten von hohen Mauern und prächtigen chinesischen Turmbauten umgeben ist. Der Kupferstich aus einem europäischen Reiseberichts des 17. Jahrhundert gewährt einen Blick in einen riesigen Innenhof, der am südlichen Teil der „Verbotenen Stadt“ in Peking liegt. Diese war seit dem frühen 15. Jahrhundert bis ins frühe 20. Jahrhundert Regierungssitz und Residenz der chinesischen Kaiser. Auf dem weitläufigen Gelände haben sich Gruppen von Gesandten versammelt, die auf ihren Empfang beim Kaiser warten. Im unteren Bildabschnitt ist links die niederländische Gesandtschaft zu sehen, die von einem chinesischen Beamten bewacht wird. Weiter vorne sind Sänften und ihre Träger hintereinander aufgereiht. Wer genau hinschaut, kann dicht an dicht stehende Wachen erkennen, die vor Bogengängen entlang der hohen Mauern von allen Seiten Stellung bezogen haben. Aus erhöhten Positionen verfolgen einzelne chinesische Würdenträger das Geschehen auf dem Platz. Der Blick in weitere Areale der „Verbotenen Stadt“ wird durch ein zentrales, zentrales gut bewachtes Gebäude verwehrt. Es stellt die „Halle der höchsten Harmonie“ dar, in der sich der Kaiser zu zeremoniellen Anlässen aufhielt.

Im Vergleich zur imposanten Größe des Platzes und der Architektur wirken die Personen winzig. Sie sind erst auf den zweiten Blick erkennbar. Das Machtgefälle zwischen der niederländischen Delegation gegenüber der Machtfülle des chinesischen Kaisers und seiner Administration kommt sehr deutlich zum Ausdruck. Der detailreiche Kupferstich nach einer Zeichnung von Johan Nieuhof ist eine von 150 Abbildungen die 1665 in seinem Reisebericht „Het Gezandtschap der Neêrlandtsche Oost-Indische Compagnie aan […]den tegenwoordigen Keizer van China“ in Amsterdam erschien. Der aus dem niedersächsischen Uelsen stammende Nieuhof (auch Neuhof) war zwischen 1640 und 1667 zunächst für die Niederländische Westindien-Kompanie später auch für die Niederländische Ostindien-Kompanie (VOC) an zahlreichen Handels- und Delegationsreisen nach Südamerika, Afrika und Asien beteiligt. In seinem Bericht schildert er die über zweijährige Delegationsreise der VOC (1655-1657) vom südchinesischen Guangzhou (Kanton) über Nanjing zum Kaiserhof nach Peking während der Regierungszeit von Kaiser Shunzhi (reg.1644-1661). Nieuhof naturgeschichtliche, geographische, architektonische und ethnographische Aufzeichnungen und Abbildungen prägten - neben anderen Abhandlungen - das europäische Chinabild bis ins 18. Jahrhundert. Die von ihm übermittelten Bilder hatten einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Chinoiserie.

Beim Vergleich des Kupferstichs mit den tatsächlichen architektonischen Gegebenheiten fällt zunächst auf, dass bei Nieuhofs Darstellung die realen Größenverhältnisse nicht originalgetreu wieder gegeben sind. Die freistehende „Halle der Höchsten Harmonie“, erhebt sich eigentlich auf einer hohen dreistufigen Marmorterrasse über den großen Vorplatz und trägt ein doppelstufiges Dach. Architekturelemente, wie Bogengänge oder die großflächig mit Drachen und anderen Ornamenten bemalten Mauern stellen eine phantasievolle, europäische Ergänzung dar. Ebenso sind die in Form von Drachen gestalteten Figuren an den Firstenden der Dächer, die bei Nieuhof die Gestalt von Schnecken haben, Bilddetails, die eine phantasievolle, europäische Interpretation chinesischer Motive zeigt. Die hinter den hohen Mauern hervorschauenden Palmen, eine für das nordchinesische Peking unpassende Flora, schaffen zusätzlich eine exotische Atmosphäre. 

C. Stegmann-Rennert