Das Neue im Gewohnten finden

Bild der 18. Woche - 3. Mai bis 9. Mai 2021

Macke, August, Lesender Mann im Park/Lesender Mann auf Bank (Köln, Museum Ludwig, ML 76/2727). Rheinisches Bildarchiv Köln, RBA_c000050

Das altbekannte Sprichwort „Alles neu macht der Mai“ wirkt in der aktuellen Zeit mehr wie eine Plattitüde als eine Vorhersage. Doch während der Alltag gleichförmig zu bleiben scheint, bricht ohne unser Zutun der Frühsommer ein und wandelt die Umgebung: Es grünt und blüht, neue Farben drängen sich auf die bekannten Spazierwege und Straßen Kölns und die Sonne lockt in ihr Licht. Warum nicht wieder auf Entdeckungstour vor der Haustür gehen?

Den Blick für die Schönheit im Unmittelbaren hatte auch der Expressionist August Macke (1887-1914). Geboren in Meschede verlebt Macke seine Kindheit und Jugend in Köln und Bonn und beginnt sein Kunststudium an der Düsseldorfer Kunstakademie. Seine Lehrer bemerken in den künstlerischen Anfängen schnell den unkonventionellen Zugang zur Malerei des jungen Mackes und gleichzeitig erkennt Macke enttäuscht die Grenzen der Akademieausbildung. Er bricht das Studium ab und begibt sich ohne wirtschaftliche Sicherheit in die damalige Hochburg des Impressionismus, nach Paris. Seine Reisen in die französische Hauptstadt prägen sein Werk, die Berührung mit den progressiven Kunstströmungen, unter anderem dem Fauvismus, und den Eindrücken aus den fernen Kulturen wie Japan und Henri Matisses Bilder aus Algerien führen ihn schließlich in die neuen Freiheiten des Expressionismus. In dieser Zeit beginnt seine Freundschaft zu Franz Marc und seine Zusammenarbeit mit Wassily Kandinskys „Neuen Münchner Kunstvereinigung“. 1910 kehrt August Macke mit seiner Frau Elisabeth und Kindern zurück nach Bonn. Sie beziehen im Frühjahr 1911 das Wohnhaus in der Bornheimer Straße, in welchem sich heute das Museum August-Macke-Haus befindet.

In seiner äußerst kurzen, aber sehr produktiven Schaffensphase kreiert Macke ungewohnt farbige Bildwelten. Die Motive sind trotz seiner Reisen in die Metropolen oft Szenen aus dem Gewohnten: belebte Straßen, Spaziergänger oder Haushaltsobjekte. Auch sein eigener Garten in der Bornheimer Straße wird ein wichtiger Bestandteil seiner Oeuvres. Durch seine reichen Farbkompositionen und freien Formen erzeugt Macke einen neuen, harmonischen Blick auf die tägliche Welt. Denn besonders in seinen Bonner Jahren zeigt sich die positive Lebenseinstellung des August Macke deutlich, der stets versucht, das irdische Paradies in den unscheinbaren Momenten festzuhalten.

So kann auch das Lesen im Park auf einer Bank, geschützt im kühlenden Schatten der sattgrünen Bäume und in der eigenen Ruhe und Entschleunigung ein Stück Paradies am Tag bedeuten. Und sollte sich keine freie Bank auftun, so findet sich mit Sicherheit beim Spazieren im farbenprächtigen, warmen Mai wieder etwas Neues im eigenen Inneren, wie August Macke wusste: "In der Freude über einen sonnigen Tag, materialisieren sich leise, unsichtbare Ideen."

A. Borggrefe