Unscheinbares Meisterwerk

Bild der 15. Woche - 10. April bis 16. April 2017

Reiner von Huy (zugeschr.): Kruzifixus, 1110-20, Bronzeguss,
Höhe: 16 cm, Spannweite: 17 cm, Köln, Museum Schnütgen, Inv.-Nr. H 70 (Foto: RBA Köln)

Reiner von Huy (zugeschr.): Kruzifixus, 1110-20, Bronzeguss,
Höhe: 16 cm, Spannweite: 17 cm, Köln, Museum Schnütgen, Inv.-Nr. H 70 (Foto: RBA Köln)

Unscheinbar hängt dieses kleine Werk aus Bronze in der Vitrine. Wer in der Kunst des Mittelalters bewandert ist, wird beim Lesen der Beschilderung kenntnisreich nicken. Allen anderen wird der Name, der dort steht, wenig sagen: Reiner von Huy.

Anders als die meisten Künstlerpersönlichkeiten seiner Zeit war Reiner offenbar kein Mönch, sodern ein Laie. Als "Reinerus aurifaber" ("Goldschmied") erscheint er in einer Urkunde des Bischofs von Lüttich aus dem Jahre 1125, in der es um die Kirche der kleinen, aber properierenden Stadt Huy geht. Huy war seit dem hohen Mittelalter bekannt für seine Metallverarbeitung und die Qualität der dort entstandenen Arbeiten. Über Reiner jedoch ist zu Lebzeiten nichts weiter bekannt. Chronisten des 14. Jahrhunderts verbinden seinen Namen mit dem Taufbecken der Bartolomäuskirche in Lüttich, das zwischen 1107 und 1118 für die Kathedrale geschaffen worden war. Der Auftrag zum Taufbecken an einem so wichtigen Ort, dem Sitz eines der mächtigen Bistümer im europäischen Nordwesten, dürfte wohl durchaus einem begabten Künstler erteilt worden sein. Tatsächlich ist das Taufbecken von Lüttich ein Hauptwerk der maasländischen Kunst.

Das Maasland war vom 11. bis zum 13. Jahrhundert jene Kunstlandschaft Europas, die die besten Goldschmeidearbeiten hervorbrachte. Auch Nikolaus von Verdun, der Meister des Dreikönigenschreins im Kölner Dom, entstammt dieser Gegend. Die Werke zeichnen sich durch einen stregen, an die Antike erinnernden, klassizistischen Stil aus, wie sich an der Körpergestaltung und dem Faltenstil ablesen lässt. Das mag auch nicht verwundern, denn das Maasland gehörte zum Kerngebiet der Karolinger, deren Kunstpolitik ja eine dezidierte Wiederbelebung der Antike verfolgte.

Unsere Christusfigur hat das Vortragekreuz, an dem sie einst hing - die durchbohrten Hände belegen dies - verloren. So sind die beiden Kammern auf der Rückseite gut erkennbar, die einst für Reliquien gedacht waren. Bei dieser Figur könnte man dabei an Kreuzpartikel denken, beliebte und hochverehrte Reliquien des Mittelalters. Christus stand auf einer Platte, hing also nicht am Kreuz, so dass der Körper nicht herabsinkt, sondern sich fast aufrecht hält. So sind die Arme weit ausgebreitet und hängen nicht nach unten, der Kopf ist nur leicht gesenkt, lediglich im leicht durchgebeugten Oberkörper und dem sich nach vorn auswölbenden Bauch findet die Kraftlosigkeit des Gekreuzigten Ausdruck. Christus ist jedoch (noch) nicht gestorben. Seine Augen sind offen und blicken nach vorn. Zusammen mit dem jugendlichen Körper gewinnt der Betrachter sogar fast den Eindruck, dass der Tod schon überwunden ist.

Das mag natürlich ein Gedanke sein, den ein moderner Mensch beim Anblick dieses kleinen Werks hat. Aber der triumphierende - und eben nicht der leidende - Christus ist ein Thema, das in der Kunst der Romanik durchaus zu Hause war. Von Schmerz, Todesqualen oder gar dem Sterben selbst jedenfalls fehlt jede Spur. Insofern passt unser Bild der Woche sehr gut in den Rahmen, den der Kalender und damit indirekt das christliche Kirchenjahr vorgibt. Der kommende Karfreitag erinnert Christen in aller Welt an den Opfertod, der darauf folgende Ostersonntag dann an die Auferstehung Christi und somit an das Heilsversprechen als Kern der christlichen Botschaft. Theologisch steckt auch das in der kleinen Bronzefigur.

M. Hamann