Zum Antikorruptionstag: Die Geschichte des Nikolaus Gülich

Bild der 49. Woche - 5. Dezember bis 11. Dezember 2016

Kleinenbroich, Wilhelm; Niclas Gülich, Tusche Aquarell, 17 x 21,5 cm. Köln 1848, Inv. HM 1926/575 (Foto: RBA)

Am 9. Dezember wird weltweit der Antikorruptionstag begangen - eine gute Gelegenheit, um an einen bekannten Fall aus der Kölner Geschichte zu erinnern. Im 17. Jahrhundert war die im stätischen Verbundbrief festgelegte zunftdemokratische Ordnung verkommen zu einem Regiment weniger privilegierter Familien. Nepotismus, Nötigung, Erpressung, Verfassungsbruch, Rechtswillkür, finanzielle Misswirtschaft und Missbrauch des „gemeinen Guts“ waren ebenso zum Alltag in Köln geworden wie eine systematisch betriebene Korruption. Die Nachwirkungen des Dreißigjährigen Krieges belasteten die Stadt darüber hinaus außenpolitisch und besonders finanziell schwer. In der Bürgerschaft regte sich verstärkt Unmut, als der Rat Steuern mit brachialen Methoden eintreiben ließ.

Wortführer der Opposition wurde der Bandwaren- und Weinhändler Nikolaus Gülich, der Ende der 1670er Jahre seine persönlichen negativen Erfahrungen machen musste. Er protestierte lautstark auf seiner Gaffel Himmelreich. Versuche der stadtkölnischen Obrigkeit, ihn mittels Einschüchterungen und Strafandrohungen zum Schweigen zu bringen, blieben ohne Wirkung. Im Gegenteil, die Opposition in der Stadtbürgerschaft nahm weiter zu.

1680 wurde eine Untersuchungskommission geschaffen, die die vorgebrachten Vorwürfe untersuchen sollte. Die beschuldigten Bürgermeister erhielten geringe Geldstrafen und verloren ihre Ämter. Viele waren mit diesen milden Urteilen nicht einverstanden. Ihr Wortführer wurde Nikolaus Gülich: Er forderte ihre Hinrichtung. Die Verurteilten ihrerseits appellierten erfolgreich an den Reichshofrat.

Der Streit zwischen Gülich und seinen Anhängern, die vornehmlich von den Gaffeln kamen, und dem Rat eskalierte. Im September 1682 ließ der Rat Gülich einsperren, aber aus dem Fenster seiner Zelle konnte er ungehindert Reden an das Kölner Volk halten. Im Dezember musste der Rat nachgeben und ihn ehrenvoll wieder entlassen. Gülich hatte sich durchgesetzt. Im Januar 1683 begann eine große Kommission aus Gaffeln und Rat, über die vorgebrachten Beschwerden und Vorwürfe zu beraten. Ungeschicktes Agieren der Ratsherren beförderte Gülichs Sache, im Juni ließ der Rat sogar die Stadtsoldaten vor dem Rathaus aufmarschieren. Nun griffen auch die Gaffeln zu den Waffen; es kam jedoch nicht zum Kampf, denn die Soldaten „fraternisierten“ mit der Bürgerschaft. Diese stürmte das Rathaus und verhaftete die beiden anwesenden Bürgermeister. Gülich wurde im Triumphzug zum Rathaus geleitet; nun war er Herr der Stadt.

Auf der Gaffel Himmelreich wurde der abgesetzten Obrigkeit der Prozess gemacht, ein neuer Rat wurde gewählt. Nun griff der Kaiser ein und verlangte die Wiederherstellung der alten Ordnung, was Gülich entschieden ablehnte. Im Gegenzug wurden die ehemaligen Ratsherren verhaftet. Die Hinrichtung des städtischen Sekretärs Gereon Hesselmann brachte das Fass zum überlaufen – Gülich und seine engsten Mitstreiter Sax und Meshov wurden aufgefordert, sich der kaiserlichen Kommission zu unterwerfen – vergeblich. Noch hatten sie Rückhalt in der Bürgerschaft.

Aber die neuen Herren erwiesen sich doch als „zahnlose Tiger“ – es gab weder die nötigen Reformen noch verbesserte sich die finanzielle Lage der Stadt dauerhaft. Die Bannandrohung der kaiserlichen Kommission gegen die Stadt führte im Sommer 1685 dazu, dass die drei führenden Köpfe auf Initiative der Gaffeln in Arrest genommen und im Herbst nach Düsseldorf gebracht wurden, wo ihnen der Prozess gemacht wurde. Das alte Regiment wurde im Dezember 1685 feierlich wieder in alle Ämter eingesetzt.

Am 23. Februar 1686 wurde das Todesurteil verlesen: Gülich als Hauptrebell und Rädelsführer sollte auf der Mülheimer Heide mit Schwert hingerichtet werden, sein Körper auf dem Galgenplatz vergraben, sein Kopf auf einer eisernen Stange am Bayenturm aufgespießt werden. Sein Wohnhaus Oben Marspforten sollte abgerissen und der Platz niemals mehr bebaut werden. Stattdessen sollte dort eine Schandsäule auf ewig an seine „Infamie“ erinnern. Unser Bild der Woche zeigt die ehemalige Schandsäule. Sax sollte Gülichs Schicksal teilen, sein Kopf sollte am Kunibertsturm aufgespießt werden. Meshov wurde verschont, aber verbannt.

In französischer Zeit zerstörten 1797 Freiheitsfreunde unter Mithilfe der französischen Revolutionssoldaten die Schandsäule und trugen den mit einer Bürgerkrone bekränzten Bronzekopf Gülichs auf samtenen Kissen feierlich durch die Stadt.

R. Wagner