Blut - ein besondrer Saft

Bild der 24. Woche - 13. Juni bis 19. Juni 2016

Tafelreliquiar, Köln (?), 13. Jh. Eiche, Hornplättchen und vergoldetes Silberblech, H 22, B 17,5 cm, Inv.-Nr. E 216a (Foto: RBA Köln)

Tafelreliquiar, Köln (?), 13. Jh. Eiche, Hornplättchen und vergoldetes Silberblech, H 22, B 17,5 cm, Inv.-Nr. E 216b (Foto: RBA Köln)

In dieser Woche ist „Weltblutspendetag“. Dabei erhält der Ausspruch aus Goethes Faust vom "besondren Saft" eine aktuelle Bedeutung. Der im Jahr 2004 ins Leben gerufene Erinnerungstag wird jedes Jahr am 16. Juni begangen, dem Geburtstag von Karl Landsteiner (1868-1943), der 1901 die Blutgruppen entdeckt und damit einen Meilenstein in der medizinischen Forschung gesetzt hatte.

Dass das Blut auch jenseits der Medizin stets als eine ganz besondere Substanz angesehen wurde, beweist ein Blick in die Geschichte des Christentums und der christlichen Frömmigkeitspraxis. Die Anrufung der Heiligen und die Verehrung ihrer Reliquien spielten in der Frömmigkeit des Mittelalters eine große Rolle.

Mit Reliquien – von dem lateinischen Wort „reliquiae“ (Zurückgelassenes, Überbleibsel) abgeleitet – sind Körperteile von Heiligen gemeint, die eine besondere Verehrung genossen. Gleiches galt für die sogenannten Berührungsreliquien, also Gegenstände wie etwa Kleidungsstücke, mit denen der Heilige zu seinen Lebzeiten in direkten Kontakt gekommen war. Durch den Besitz ihrer körperlichen Überreste konnte man den Heiligen, die schon die ewige Gemeinschaft mit Gott genießen, ganz nahe kommen. Die Künstler haben für die Reliquien kostbare Gefäße geschaffen von kleinen, mit Gold und Edelsteinen geschmückten Kästchen bis zu den berühmten Kölner Ursula-Büsten.

Zu den wichtigsten Reliquien gehörte zweifellos das Heilige Blut, das Christus bei seinem Leiden und Sterben vergossen hat, insbesondere jenes Blut, das aus der geöffneten Seitenwunde strömte. Nach der Überlieferung sollen die bei der Kreuzigung anwesenden Personen einen Teil des Blutes in Tüchern und Schwämmen aufgefangen und der Nachwelt übergeben haben. Verbunden mit dieser Überlieferung ist die Legende vom Heiligen Gral, dem Kelch, in dem Joseph von Arimathia das Blut Jesu aufgefangen haben soll, und nach dem die Ordensritter zur Zeit der Kreuzzüge gesucht haben sollen. In der Barockzeit erfuhr die Hl.-Blut-Verehrung erneut einen großen Auftrieb – Wallfahrten führten zu den Orten, an denen Blutreliquien verwahrt wurden. Berühmt ist die Hl-Blut-Wallfahrt nach Weingarten, aber auch Düsseldorf-Gerresheim war ein solches Pilgerziel.

Diese Form der Verehrung ist durchaus kein Phänomen längst vergangener Zeiten. Erst vor wenigen Tagen hat ein ungewöhnlicher Diebstahl für großes Aufsehen gesorgt: Aus dem Kölner Dom wurde die Blutreliquie von Papst Johannes Paul II. (1920-2005) entwendet – bislang fehlt jede Spur von der Glaskapsel, die ein Tuch mit einem Blutstropfen des 2014 heiliggesprochenen Kirchenoberhauptes enthielt.

Ob in einem der kleinen Fächer der im Kölner Museum Schnütgen verwahrten Tafelreliquiare auch ein Tropfen des Hl. Blutes enthalten war, ist ungewiss. Sorgsam in Felder gegliedert, verwahren diese beiden, im 13. Jahrhundert entstandenen Tafeln nämlich jeweils eine ganze Sammlung von Reliquien, von denen einige allerdings verloren sind. Im Sinne von „viel hilft viel“ wurde auf kleinstem Raum eine große Anzahl von Reliquien untergebracht und damit die Heilskraft vielfach multipliziert. Die Namen der Heiligen, deren heilbringende Überreste jeweils in eine mit Stoff belegte Mulde eingesetzt wurden, verkünden beigegebene Pergamentstreifen. Versammelt sind hier laut Beschriftung u.a. die Heiligen Nikolaus, Martin, Gereon und Viktor, Katharina sowie Maria Magdalena. Die ältere der beiden Tafeln (Inv.-Nr. E 216a) schmücken Bänder aus geprägtem Edelmetall. Aus der oberen Reihe wurde zu unbekannter Zeit ein Feld herausgesägt, um diese Reliquie (als Geschenk?) weiterzugeben. Diese ungewöhnliche Form des Tafelreliquiars hat seinen Ursprung vermutlich in Byzanz, wo bereits in Schriftquellen des 10. Jahrhunderts solche Objekte erwähnt wurden. Die später im Westen produzierten Reliquientafeln reichten allerdings an die Materialkostbarkeit der aus Edelmetallen gefertigten byzantinischen Vorbilder nicht mehr heran.

Die beiden hier gezeigten Tafelreliquiare sind einzigartig und ohne Parallele in anderen Museen oder Kirchenschätzen – auf dem Plakat des Museum Schnütgen machen sie auf die aktuelle Sonderschau Auf den Spuren von Reliquien und Heiligen – Neue Wege zu Kunst des Mittelalters aufmerksam, die im Rahmen der Reihe „Museum Schnügen – Im Fokus“ als Teil der neugeordneten Museumssammlung realisiert wurde.

M. Beer