Die Venus von der Hohe Straße

Bild der 16. Woche - 18. April bis 24. April 2016

Fragment einer Venus-Statue, frühes 2. Jahrhundert n. Chr. Marmor, erhaltene H 34,5 cm; urspr. H ca. 140 cm, Inv. 2003, 203 (Foto: 
© RGM und RBA / Anja Wegner)

Fragment einer Venus-Statue, frühes 2. Jahrhundert n. Chr. Marmor, erhaltene H 34,5 cm; urspr. H ca. 140 cm, Inv. 2003, 203 (Foto:
© RGM und RBA / Anja Wegner)

Das Publikum kennt sie aus vielen Veranstaltungen und liebt ihre tiefgründige, humorvolle und hintersinnige Art der Vermittlung. Nun geht Dr. Beate Schneider, die stellvertretende Direktorin des Museumsdienstes Köln, in den Ruhestand. Mit einer kleinen Serie im "Bild der Woche" verabschieden wir uns von einer geschätzten Kollegin, Kennerin und wunderbaren Vermittlerin der Kölner Antike.

Bei Ausgrabungen für den neuen Kanalstollen unter der Hohe Straße wurde 2004 ein Torso aus weißem Marmor gefunden. Er war bei einer Straßenerneuerung im 4. Jahrhundert in Bauchlage als Pflasterstein verbaut worden. Erhalten blieb nur der Oberkörper einer zierlichen, mädchenhaften Frauenstatue. Der jung und zart gebildete Körper war in Marmor so vollkommen wie möglich nachgebildet worden. Mit gerundetem Rücken beugte sich die Mädchenfrau ein wenig nach vorne und wendete sich gleichzeitig leicht zur Seite. Diese Haltung, Spuren einzelner Locken auf den Schultern und der Rest eines Fingers auf der linken Brust sind Hinweise, dass hier die Göttin der Liebe und Schönheit wiedergegeben war, wie sie schamhaft Brust und Schoß mit den Händen zu verdecken suchte.

Das Sujet der Statue geht auf ein Bildwerk des griechischen Künstlers Praxiteles zurück. Er hatte um 430 v. Chr. als erster Aphrodite völlig unbekleidet dargestellt. Die Nacktheit der Liebesgöttin begründete er durch das Bad, in das zu steigen sie im Begriff stand. Seine Statue wurde hochberühmt; den Einwohnern der Insel Knidos war sie mehr wert als ihr gesamter Staatshaushalt. Noch der römische Schriftsteller Plinius der Ältere nannte diese Aphroditestatue „das erste aller Werke, nicht nur des Praxiteles, sondern auf dem ganzen Erdkreis“ (Naturgeschichte XXXI). In der Folgezeit schufen Bildhauer Statuen nach diesem Vorbild in immer neuen Varianten.

Wohlhabende Römer waren schon in spätrepublikanischer Zeit bestrebt, ihre Stadtvilla, ihr Landhaus oder ihren Garten mit griechischen Statuen zu schmücken. Wenn Originalbildwerke nicht zu erreichen waren, ließen sie beispielhafte Werke in ‚passendem’ Material und Format kopieren. Zu den beliebtesten Motiven gehörten Statuen der Liebesgöttin in einer Bildversion, die heute nach einer perfekt erhaltenen Statue in Rom als „Kapitolinische Venus“ bezeichnet wird.

Der Torso von der Hohe Straße beweist, dass auch die Bewohner des römischen Köln ihr Villen mit Skulpturen schmückten. Die leicht unterlebensgroße Venusstatue hatte sicher aus Italien importiert werden müssen. Sie zeugt nicht nur von den finanziellen Ressourcen der Agrippinenser, sondern auch von ihrem Geschmack.

F. Naumann-Steckner