Ein Teppich passend zu "Birlikte"

Bild der 23. Woche - 6. Juni bis 12. Juni 2016

Gebetsteppich, Türkei, um 1990. Synthetik, L: 125 cm, B: 70 cm, Inv.-Nr. KSM 1995/40. Ankauf von Hise Ibrahimov, Köln (Foto: RBA)

Am Wochenende fand zum dritten Mal das Festival Birlikte statt: "Zusammenstehen - zusammenleben - zusammenreden", so das Motto. Das Kunst- und Kulturfest auf der Keupstraße und dem Carlswerkgelände in Köln-Mühheim ging in die dritte Runde. Im Juni 2014, auf den Tag genau zehn Jahre nach dem NSU-Nagelbombenanschlag in der Keupstraße, feierten erstmals über 500 Künstler und rund 70.000 Besucher gemeinsam mit den Anwohnern und Geschäftsleuten der Keupstraße ein gigantisches Fest. In diesem Jahr nun war es eine ganze Dialogwoche!

Für das Kölnische Stadtmuseum ist das Thema "Zusammenleben" selbstverständlich. Daher sammelt das Haus seit über 20 Jahren Objekte zur Kölner Migrationsgeschichte. Das Eingeständnis, dass wir in einem Einwanderungsland leben, ist allerdings ziemlich neu. Noch in einer Regierungserklärung von 1989 ließ Helmut Kohl verlauten, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei und auch keines mehr würde. Eine ahistorische Aussage schon in Anbetracht der Arbeitsmigration des 20. Jahrhunderts und den 4,8 Millionen Migranten, die 1989 in Deutschland lebten. Die Einwanderung endete nicht mit dem Anwerbestopp von 1973, und sie begann weit vor dem ersten Anwerbeabkommen mit Italien 1955. Schon viel früher gab es Migrationsströme ins und im Gebiet der heutigen Bundesrepublik: die »Heimatvertriebenen« der direkten Nachkriegszeit, Zwangsmigration im Nationalsozialismus, »Ruhrpolen«, Wanderziegler und italienische Industriearbeiter während der Industrialisierung, Glaubensflüchtlinge zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, Wanderungen infolge der Pestepidemie im 14. Jahrhundert, Völkerwanderungen im Übergang von Antike zum Mittelalter.

Museen haben einen entscheidenden Anteil daran, die Migration nicht als singuläre Erscheinung des 20. Jahrhunderts darzustellen, sondern als das, was sie ist: ein Dauerzustand der Menschheitsgeschichte. In den letzten Jahren haben sie damit begonnen, das Thema Migration als Sammlungsgebiet zu entdecken. Insbesondere Objekte aus der Migrationsgeschichte seit den 1950er Jahren werden vielfach aktiv (durch Aufrufe in Zeitungen oder im Rahmen von Ausstellungsprojekten) gesammelt. Im Kölnischen Stadtmuseum wurde Mitte der 1990er Jahre erstmals eine Mitarbeiterin mit dieser Aufgabe betraut.

Gleichzeitig wurden und werden die eigenen Sammlungen zum Thema Migration befragt: Der Dombau kam im Mittelalter und im 19. Jahrhundert nicht ohne die Hilfe von »reichsfremden« Europäern voran, und im 18. Jahrhundert hießen einflussreiche Kölner Kaufleute Farina, Foveaux und DuMont. Zehntausende Pilger aus ganz Europa prägten das Straßenbild im Mittelalter. Ganz zu schweigen von den Römern und Germanen, die vor rund 2.000 Jahren als Ortsfremde die Colonia gründeten. Zu all diesen Migrationsgeschichten gibt es im Kölnischen Stadtmuseum Objekte, die Auskunft darüber geben, wie sich das Leben von Migranten in den letzten zwei Jahrtausenden gestaltete – und wie die Migranten die Stadt gestalteten.

Seit 1995 befindet sich dieser Gebetsteppich im Bestand des Kölnischen Stadtmuseums. Die frühere Besitzerin Hise Ibrahimov ist Roma und lebte mit ihrer Familie lange in der Türkei. Ein befreundeter Türke schenkte ihr den Teppich aus Freude darüber, dass sie sich zum Islam bekannte. Doch obwohl die Ibrahimovs Muslime waren, feierten sie auch christliche Feste. Auf dem Teppich betete Hise jeden Tag zu Allah, weshalb sie ihn »cam?a« (türk. etwa: Gottesreich) nannte.

Der rote Teppich ist mit schwarz-weiß-roten Mustern und floralen Motiven verziert. Im inneren Feld des Teppichs findet sich die kennzeichnende vereinfachte Darstellung einer Gebetsnische (Mihrab) in der Moschee. Diese muss beim Gebet nach Mekka ausgerichtet sein. Gebetsteppiche sind nach islamischem Recht von den Betenden zu benutzen, um zu verhindern, dass ein Gebet durch Verunreinigungen des Bodens (z. B. durch Urin oder Blut) ungültig wird.

Eine weitere und deutschlandweit einzigartige Sammlung von Schriftgut und mehreren tausend Objekten zur Geschichte der Migration seit dem ersten Anwerbeabkommen von 1955 befindet sich im Kölner »Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland« (DOMiD). Seit 1990 sammelt der von Einwanderern gegründete Verein Objekte »mit Migrationshintergrund«. Das langfristige Ziel: ein deutsches Migrationsmuseum.

Doch Migranten sind für das Stadtmuseum nicht nur als »Thema« bedeutend, sondern auch als Besucher. Über 30 % aller Kölnerinnen und Kölner haben Migrationshintergrund. Im Rahmen der Projekte »Zweite Heimat Köln« (2007–2012) und »Blickwinkel« (seit 2012) wurden Sprachbarrieren abgebaut und eine stärkere Vernetzung mit den einzelnen Communities geschaffen. Zu den neuen Aufgaben gehört es, Flüchtlinge - ob klein oder erwachsen - an das kulturelle Erbe heranzuführen und Schwellen anzubauen.

S. Pries