Der Glanz des Mittelalters in der Ursulatafel

Bild der 22. Woche - 30. Mai bis 5. Juni 2016

Goldene Tafel aus St. Ursula, um 1170, Malerei: 15. Jh. und 1844. Eiche, Bronzeguss, vergoldetes Kupferblech mit Email, Stuck, Deckfarben, 
Köln, Museum Schnütgen, Inv. Nr. G 564

Als harmonisches Zusammenspiel aus goldenen Schmuckplatten, vegetabilem Ornament und figürlicher Malerei präsentiert sich die Ursulatafel von 1170 heute im Chor der Cäcilienkirche in Köln. Ihre Darbietung an dieser zentralen Stelle unterstreicht die strahlende Wirkung der Tafel und erinnert zugleich an ihren ursprünglichen Aufstellungsort: den Chorbereich der Kölner Kirche St. Ursula. Hier verkleidete das Werk seit 1287 die Front des Hochaltars, weshalb es auch als Antependium bezeichnet wird. Ob es auch zuvor ‚vor‘ (lat.: ante) etwas ‚hing‘ (pendere), kann nicht sicher belegt werden. Daher bildet das Werk bis heute einen interessanten Gegenstand in der kunsthistorischen Forschung.

Seit seiner Erschaffung wird es durch ein Rahmensystem aus mehrfarbigen und vergoldeten Emaillearbeiten gegliedert, deren Qualität von der Kunstfertigkeit der rheinischen Goldschmiede zeugt. Von entsprechender Beschaffenheit werden auch die verlorenen figürlichen Darstellungen der Entstehungszeit gewesen sein, die in Metallplatten getrieben waren. Seit dem 15. Jahrhundert füllen goldgefasste Umrissmalereien die Flächen der damaligen Beschläge, die in der Neuzeit überarbeitet wurden. Ihre feine Ausarbeitung fügt sich harmonisch in die rahmengebende Struktur ein und wird insbesondere an den Gesichtern und Körpern der Figuren sichtbar.

So wird das Zentrum des Werks durch die thronende Muttergottes gebildet, die ihre Aufmerksamkeit dem Jesuskind auf ihrem Schoß gewidmet hat. Sie umfasst den lebhaften Knaben mit ihrem rechten Arm, um seine aufrechte Haltung zu stützen. Ein sanftes Lächeln umspielt ihr Gesicht, als dieser auf die Blume der Jungfräulichkeit in ihrer linken Hand weist und ihren Blick erwidert. Vier musizierende Engel umringen das in einen Vierpass gebettete Figurenpaar in den Winkeln des zentralen Feldes und begleiten die harmonische Verbindung mit dem Spiel von Saiteninstrumenten. Aus den Bogenöffnungen der beidseitig angegliederten Arkatur verfolgen 12 Heilige das mittige Geschehen.

Neben den Apostelfürsten Petrus und Paulus, die durch Schlüssel und Buch sowie Schwert und Buch kenntlich werden, sind auch Kölner Heilige dargestellt. Der Bischof Severin ist in seiner Amtstracht auf der unteren rechten Tafelhälfte abgebildet. Ihm steht die Stadtpatronin Ursula mit Cordula und Pinnosa gegenüber, die einer Legende nach durch Pfeilschüsse den Märtyrertod fanden und Köln damit von einer Hunnenbelagerung befreiten.

Die Dargestellten erfuhren im mittelalterlichen Köln besondere Verehrung, was ihre Verbildlichung auf der Tafel erklärt. Die Gottesmutter wird wegen des ursprünglichen Marienpatroziniums der Ursulakirche in der Mitte des Werks Platz gefunden haben. Die Personenkonstellation gibt jedoch auch über das religiöse Selbstverständnis Kölns Aufschluss. Als Reliquienhort sah sich die Stadt in ihrer Stellung erhoben und dem heiligen Rom angenähert, was sich an der Verbildlichung der städtischen Heiligen und ihrer römischen Entsprechungen wiederspiegelt.

So finden wir in der Ursulatafel ein erlesenes Werk der rheinischen Goldschmiedekunst des Mittelalters, das einen Eindruck über das religiöse Bewusstsein der Stadt ermöglicht. Damit ist es auch ein Widerschein der damaligen Epoche, die durch eine aufmerksame Betrachtung auch in unserer Zeit erfahrbar wird.

A. Weinhold