Elfenbeintafel mit der Himmelfahrt Christi

Bild der 21. Woche - 23. Mai bis 29. Mai 2016

Elfenbeintafel mit der Himmelfahrt Christi, Lothringen oder Lüttich, Anfang 11. Jh. ELfenbein, H 11, B 8,5 cm, Inv. B 2, 11 x 8,5 cm (Foto: RBA)

Das Museum Schnütgen besitzt in seiner Sammlung viele wahre Juwelen der mittelalterlichen Kunst, zu denen zweifellos die ottonische Elfenbeinplatte mit der Himmelfahrt Christi aus dem späten 10. Jahrhundert gehört. Trotz des kleinen Formats des feinen Exponates verfügt die Relieffläche über einen expressiven und vielfaltigen Reichtum an Formen, die sehr zart und detailliert herausarbeitet sind. Auf so kleiner Tafel sind so viele, in so zierlicher Auffassung Gestalten dargestellt.

Das Thema der Elfenbeintafel findet sich in der bildenden Kunst schon seit dem 5. Jahrhundert. Die Quellen für die Vorstellung von der Himmelfahrt Christi sind vor allem Texte aus dem Markus- und Lukas-Evangelium, sowie die Apostelgeschichte, die besonders anschaulich dieses Ereignis beschreibt. Der Überlieferung nach befand sich Christus mit seinen Aposteln 40 Tage nach der Auferstehung auf einem Ölberg. Nach der Ankündigung der Entsendung des Heiligen Geistes, stieg Christus in den Himmel empor und eine Wolke verdeckte ihn. Seine Jünger betrachteten den Heiland, und zwei weißbekleidete Männer kamen zu ihnen. Sie fragten, warum sie in den Himmel starren, und diese sagten, dass Christus auf diese Weise wiederkommen werde, wie er die Erde verlassen habe.

Die Darstellung auf unserem Elfenbeinrelief zeigt dieses Ereignis sehr dynamisch und raffiniert. Die Komposition der kleinen Tafel setzt sich aus zwei fast flächengleichen Sphären zusammen, die durch ein Wolkenband voneinander abgegrenzt sind. Der untere Bereich mit den Aposteln samt Maria ist inhaltlich auf die irdische Welt konzentriert. Die Anzahl der hier dargestellten zehn Jünger weicht dabei von der biblisch überlieferten Zwölfzahl ab. Besonders interessant sind ihre  großen Hände, mit deren Betonung vor allem Dynamik erreicht wird. Manche von ihnen weisen auf die emporsteigende Gestalt Christi hin, andere fassen sich an den Kopf. Jede Person drückt eine Gemütsbewegung aus, von ungeheuerlicher Erregung über Erstaunen bis zu stiller Beobachtung. Die Apostel, die im Hintergrund stehen, wurden nicht in Gänze dargestellt, man sieht nur ihre Büsten. Dies bleibt jedoch fast unbemerkt, da die Zwischenräume durch die Bewegung und plastische Modellierung der Gewänder der komplett ausgearbeiteten Figuren optisch überlagert scheinen. So ist es dieser untere Teil der Tafel, der durch ihre lebhafte Gestik sowie teilweise auch Bewegung ihrer Körper dem Betrachter sofort auffällt, obwohl der obere Bereich bedeutungsvoller ist.

Auf dieser oberen Hälfte der Elfenbeinplatte ist die Hauptszene dargestellt, die den himmlischen Aspekt der ganzen Darstellung ausmacht. Im Zentrum der Komposition wird die schwebende Gestalt Christi präsentiert, die dem Betrachter den Rücken zuwendet. Ein Fuß des Heilandes bleibt noch in Verbindung mit dem irdischen Bereich, während seine ausgestreckte Hand schon von der Hand Gottes gegriffen wird, die am oberen Bildrand hervortritt. Zwei Engel begleiten Christus zu beiden Seiten. Sie schweben direkt über dem Wolkenband und weisen auf ihn. Sie richten ihre Gesichter zum Betrachter, als ob sie persönlich auf die Göttlichkeit Christi aufmerksam machen wollten. Über ihnen befinden sich weitere Engel, die in zwei Gruppen hinter stark plastisch herausgearbeiteten Wolken hervorkommen, um den Heiland zu grüßen.

Die dargestellten Formen zeigen sich insgesamt sehr weich und plastisch modelliert. Zugleich sind die Personen auf der Tafel so deutlich und stark herausgearbeitet, als ob sie appliziert wären. Die Gewänder, Flügel und Wolken zeichnen sich durch feine Linearität und Detailliertheit aus. Anzahl und Dynamik der Gestalten bilden eine ungewöhnliche Schlüssigkeit der Komposition in einer sehr lyrischen Auffassung.

So besonders die kleine Elfenbeintafel ist, so wurde sie wohl doch nach einer Vorlage gearbeitet. Als Modell diente die nahezu doppelt so große Elfenbeinplatte mit der Himmelfahrt Christi aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien, die um 980 geschnitzt wurde. Die beiden Tafeln zeigen Übereinstimmungen in Formen und Komposition bis hin zur Gestik der Gestalten.

P. Piesta