Seh(n)sucht nach Süden

Bild der 10. Woche - 7. März bis 13. März 2016

Paul Signac (1863–1935): Capo di Noli, 1898. Öl auf Leinwand, 91,5 x 73 cm, Dauerleihgabe der Fondation Corboud, Inv. WRM Dep. FC 682, (Foto: RBA)

Wer ab Mittwoch mit vielen anderen durch die unzähligen Messehallen der Internationalen Tourismusbörse in Berlin streift, den treibt die Sehnsucht nach der Ferne, nach exotischen Zielen, überraschenden Eindrücken, sensationellen Ausblicken. Angesichts einer perfekt organisierten Tourismusindustrie wird es immer schwieriger, irgendwo alleine eine Entdeckung zu machen.

Da hatte es Paul Signac (1863 – 1935) vor 110 Jahren leichter. Er unternahm im Sommer 1896 eine Wanderung entlang der italienischen Riviera und kam nach Noli, einem damals kleinen Fischerort, dessen Hafenbecken sich in die Bucht unterhalb eines Kaps schmiegt. Seine Wandereindrücke hat Signac zwei Jahre später zu einem Meisterwerk geformt. „Capo di Noli“ ist jedoch keine Ortsansicht, auch wenn die Topographie der Bucht unterhalb der Steilküste eingefangen ist. Signac nutzt den Blick auf den mediterranen Hafen, um „jeden Winkel der Leinwand farblich bis zum äußersten Extrem führen“ zu können, wie er in seinem „Journal“ 1898 über das Werk schreibt.

Tatsächlich ist die Motivwelt im Bild – die bunten Segelboote, die grünen Pinien, der blaue Wasserspiegel, die weißen Kalkfelsen, der violette Horizont oder die gelbe Küstenstraße – nur ein Vorwand, um ein Höchstmaß an Leuchtkraft und Farbintensität zu erreichen. Signac schafft kein Abbild der Natur, wie vor ihm noch die Impressionisten. Hier stellt sich die Farbe selbst dar. Signac, sein früh verstorbener Malerfreund Georges Seurat (1859 – 1891) und ihr Kollege Henri Edmond Cross (1856 – 1910) hatten die Malweise der Impressionisten weiterentwickelt. Sie zerlegten die Farben in eine streng systematische angelegte Punktstruktur aus Komplementärfarben. Bald setzte sich für diese radikale Form der Malerei der Begriff „Pointillismus“ (franz.: "point" = Punkt) durch.

Signac hatte sich nicht aus dem fernen Paris an die Riviera begeben. Er lebte seit 1892 immer wieder für längere Zeit im Süden. Seine Wohnsitze in Saint-Tropez wurden zu Treffpunkten einer jungen Künstlerschaft, die aus der Metropole Paris in den Süden pilgerte. Es waren die Künstler, die das das intensive Licht des Midi entdeckten, die ausdrucksstarke Landschaft des Mittelmeers und die leuchtende Wirkung der Farben. Sie kamen, bevor die Touristen die Orte fanden. In den 1880er-Jahren bereits waren Monet und Renoir ans Mittelmeer gereist und hatten zu einer tonigeren Farbgebung gefunden.

Die wahren Tore zum Süden öffneten aber die Väter der Moderne, Cézanne und van Gogh, zusammen mit den Pointilisten Henri-Edmond Cross und eben Paul Signac. Sie alle hatten den Süden zum Lebensmittelpunkt gemacht. Die Idee, im Süden zu einer neuen Malerei zu kommen, lag in der Luft. Auf den Spuren der Vorbilder pilgerte die malende Avantgarde an die Küsten des Mittelmeers. Wie zuvor die Künstlerorte Auvers-sur-Oise (Daubigny), Pontoise (Pissarro) oder Giverny (Monet), so entwickelten in den Jahren um 1900 L’Estaque und Aix (Cézanne), Saint-Clair (Cross) und Saint-Tropez (Signac) eine enorme Attraktion. Im Fischerdorf Collioure kurz vor der spanischen Grenze fanden wenige Jahre später Henri Matisse und André Derain zur vollkommenen Befreiung der Farbe. Im Sommer 1905 wurde der Fauvismus geboren.

M. Hamann