Ein Rollenspiel

Bild der 12. Woche - 24. März bis 30. März 2014

Carl Begas, Die Familie Begas, 1821, Öl auf Leinwand, 75 x 86, Wallraf-Richartz-Museum-Fondation Corboud, WRM 1556

Nur auf den ersten Blick ist dieses Gemälde von Carl Begas‘ von 1821 eine Familienidylle. Bei näherer Betrachtung stellt sich nämlich heraus, daß Begas genau die Rollenbilder und Rollenerwartungen darstellt, die innerhalb einer bürgerlichen Familie zu Beginn des 19. Jahrhunderts galten und zu befolgen waren. Siebenundzwanzig Jahre alt war Begas, als er seine Eltern, seine Geschwister und sich selbst malte. Im 19. Jahrhundert war es für einen jungen Mann seines Alters recht ungewöhnlich, noch nicht verheiratet zu sein. Es sollte sogar noch vier Jahre dauern, bis Begas heiratete. So nimmt der junge Künstler in der Familie eine Sonderstellung ein. Lange Studienaufenthalte in Paris und Rom hatten ihn schon früh aus der elterlichen Obhut hinaus in die Welt geführt. Trotzdem hat er sich noch nicht wirklich aus dem Verband mit den Eltern gelöst. Dies sind vielleicht die Gründe dafür, warum sich der Maler am äußersten rechten Rand des Bildes plaziert. Er ist vom Bildrand überschnitten und steht sogar schon mit einem Bein draußen, bereit, die Familie endgültig zu verlassen. Doch bevor das geschehen wird, beobachtet er analysierend die Seinen. Und das, was er sieht, hält er in einem kleinen Skizzenbuch fest.

Dominiert wird die Familie – und das Familienbild – durch die mächtige, ja übermächtige und alles überragende Figur des Vaters. Vater Begas war hoher Richter in Köln und mit ihm tritt nun sein ältester Sohn gleichsam in Konkurrenz. Auf dem Schrank oder Sekretär, den Sie im Hintergrund sehen, steht das bronzene Bildwerk der Iustitia. Iustitia ist die Göttin der Gerechtigkeit, die an Gesetzestafeln und Richtschwert zu erkennen ist, sie erinnert an den Beruf von Vater Begas. Über Iustitia ist ein Gemälde angebracht: Das Pfingstwunder hängt über der Iustitia. Erhebt sich der Sohn damit über den Vater? Denn es ist nicht irgendein Bild, sondern die verkleinerte Version eines Altarbildes mit der Darstellung des Pfingstwunders, das Begas 1820 für den Berliner Dom gemalt hatte (s. kleines Bild). Sein erster großer Erfolg, denn der Auftraggeber war der preußische König Friedrich Wilhelm III.

Die Mutter, die mit ihrer Handarbeit vor ihrem Mann sitzt, sowie die Schwestern und Brüder des Malers, sie alle sind dem Familienoberhaupt untergeordnet. Die Hierarchie ist über deutlich zu erkennen. Lediglich die jüngste der Töchter schmiegt sich liebevoll – und Liebe suchend - an ihren gestrengen Vater, doch der beachtet sie nicht. Seinem ältesten Sohn, dem Maler, wendet der Vater sogar abweisend den Rücken zu. Die Rollen, die den Frauen und Mädchen zugewiesen werden, sind genau festgelegt: Die einen verrichten nützliche Arbeiten, in dem sie Textilien bearbeiten. Die anderen erfreuen die Männer durch Musik – in unserem Falle Gitarrenspiel. Und sie alle sind dem Manne untertan, den sie liebevoll umhegen. Den Knaben hingegen ist es gestattet, die enge Häuslichkeit zu verlassen. Sie dürfen die Welt sehen, entdecken, erkunden, studieren und gestalten, sei es im Spiel mit dem Hund, sei es im Schreiben und Rechnen oder aber im Erobern der Welt als Künstler.

Th. Blisniewski