Die Narben der Schönheit

Bild der 08. Woche - 24. Februar bis 2. März 2014

Weibliche Figur Luba, Demokratische Republik Kongo, Ende 19. Jh. Holz, Palmöl, Höhe 43 cm Rautenstrauch-Joest-Museum, RJM 43279

Das geflügelte Wort „Wer schön sein will muß leiden“ trifft wohl selten so zu wie bei den Luba in Zentralafrika.

Eine reich mit Schmucknarben verzierte Haut galt dort früher als Schönheitsideal und machte eine junge Frau zur begehrten Heiratskandidatin. Mit Hilfe einer feinen Klinge ritzten Spezialistinnen während Initiationsfeiern vor der Hochzeit kleine Einschnitte in die Haut des jungen Mädchens, in die dann Ruß und der Saft einer bestimmten Frucht gerieben wurden. Die so behandelten Wunden verheilten zu schwarz glänzenden erhabenen Wulstnarben, die in verschiedensten Kombinationen zusammengestellt wurden. Die Schmerzen waren beträchtlich, zeugten jedoch von der spirituellen Kraft der jungen Frau. Ohne Narben galt eine Frau als so unattraktiv, daß es keinen Sex gab und keine Heirat. Die Berührung der erhabenen Narben erfuhren beide Partner als hoch erotisch.

Die „Kunst am Körper“ wurde während des ganzen Lebens fortgeführt, als Spiegel für die kumulativen Erfahrungen der Frau und ihrer fortschreitenden Reife. An Hand der Narbenornamente ließ sich eine ganze Reihe von Informationen über die Trägerin ablesen. Sie gaben Auskunft über ihren gesellschaftlichen Status, ihre psychische Kraft und politische Verbundenheit. Mittlerweile verweigern sich viele junge Städterinnen in Zaire diesem Brauch, während ältere Frauen stolz auf ihre Narbenornamente sind.

Die Zeichen auf der Haut der Lubafrauen sind eng verbunden mit der spirituellen Welt. Körperveränderungen wie Narben und Verlängerung der äußeren Schamlippen verwandeln die Frauen in ein wirkungsvolles Gefäß, um potente Energien einzufangen und zu halten und dadurch Kontakt zur spirituellen Welt herzustellen. So, wie die verzierten Lubafrauen für Lubamänner attraktiv sind, sind sie es auch für die Geister. Deshalb werden Geisterbehälter oder Ahnenfiguren meist in Form vom skarifizierten Frauen hergestellt.

Eine schön verzierte Skulptur wie diese hier, mit sorgfältig ausgewählter Frisur, individueller Narbenverzierung, vergrößerten Labien und glänzender Oberfläche hält die Erinnerung an bedeutungsvolle Personen wach und dient der Geisterwelt als Heimstatt. Nach dem Tod inkarniert sich jeder Luba-König in einem weiblichen Medium. Die Erinnerung an ihn verbleibt in diesen Frauen und in visuellen Darstellungen solcher Frauen. Dies erklärt sich aus der Rolle der Frau im System des sakralen Königtums, an dessen Gründung sie nach den mythischen Überlieferungen entscheidend beteiligt war. Nur Frauen galten auf Grund ihrer Fähigkeit Kinder zu gebären als stark genug, die mit dem Königtum zusammenhängende spirituelle Kraft körperlich zu ertragen und zu tradieren. Nur sie verfügten über die Fähigkeit, das damit verbundene geheime Wissen zu schützen. Für die nachfolgenden Generationen sicherten ihre geschnitzten Abbilder auf den Hausaltären die Erinnerung an den König oder an das weibliche Medium des Verstorbenen.

B. Majlis