So weit die Füße tragen

Bild der 07. Woche - 17. Februar bis 23. Februar 2014

Einzelner Schuh für gebundene Füße Grüner Seidensatin mit Stickerei in Plattstichen Höhe 9 cm, Länge der Sohle 12,2 cm China, Qing-Dynastie, spätes 19. Jh. Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. L 2002,13

Detail der Stickereien des Schuhes

Frieda Fischer (s. hierzu die Serie Die Reisetagebücher von Frieda Fischer ) hatte bei ihrem Besuch im Haushalt des Mandschu-Generals die nette chinesische Nebenfrau ihrer gebundenen Füße wegen nur hinter einem Tisch sitzend fotografieren dürfen (s. BdW 44/2003 ). Immer wieder erwähnt sie in ihrem "Chinesischen Tagebuch" die Sitte der Han-Chinesen, ihren Töchtern von frühster Kindheit an die Füße zu binden, um diese klein zu halten. So berichtet sie über die Missionsanlage in Chengtingfu im April 1906, die u. a. ausgesetzte und verwaiste Kinder betreute: "Es war ein lieblicher Anblick, als die fröhlichen, feierlich sauber, chinesisch gekleideten Kinder sich um die sorglichen, heiteren Nonnen tummelten. 'Auch hier bei den größeren Mädchen verstümmelte Füße?' fragten wir den Bischof. 'Sie finden sonst keinen Mann‘, erwiderte er resigniert, 'Schönheitsideal, das noch nicht auszurotten ist.‘"

Obwohl 1902 von der mandurischen Kaiserinwitwe Cixi (1835-1908) verboten, wurde dieses Schönheitsideal aus der Song-Dynastie (916-1125) weiterhin bis in die untersten Gesellschaftsschichten der Han-chinesischen Bevölkerung praktiziert. Auf dem Weg von Honanfu nach Peking am 1. Juli 1906 bemerkte Frieda Fischer: "Das jämmerliche Wehklagen eines Kindes am Wegrand ließ mich aufhorchen. Die Mutter versuchte es zu beruhigen, vergeblich. Steif streckte es seine wohl zum erstenmal fest mit Bandagen eingezwängten Füßchen von sich. Das arme Kind konnte das Glück, durch solche Füße dem Ideal weiblicher Schönheit nähergekommen zu sein, noch nicht begreifen."

Ab dem sechsten, siebten Lebensjahr wurden Mädchen mit Hilfe von Bandagen alle Zehen außer der großen Zehe unter dem Mittelfuß festgebunden. Diese äußerst schmerzhafte Prozedur ergab sogenannte "Lotusfüße", deren Ideallänge zehn Zentimeter nicht überschreiten sollte. Kleine Füße galten als anmutig und "Lotusfüße" als Zeichen guter Herkunft. Die Frau hatte es nicht nötig körperlicher Arbeit nachzugehen, wozu sie mit den verkrüppelten Füßen auch nicht in der Lage war. Die Fortbewegung war sehr mühsam. So schildert Frieda Fischer: "Die Türhüterin des Stadtgott-Tempels [ in Taiyuanfu, B.C. ] stolperte mit ihren abgebundenen Füßen und dem unentbehrlichen Krückstock mit uns durch die Tempelhallen…." Erst unter Mao Zedong (1893-1976) wurde dieser auch volkswirtschaftlich sehr schädlichen Sitte Mitte des 20. Jhs. energisch ein Ende bereitet. 1998 stellte die letzte Fabrik für Lotosschuhen in Harbin mangels Bedarf ihre Produktion ein.

Unser Bild der Woche zeigt einen im späten 19. Jahrhundert hergestellten einzelnen Schuh für gebundene Füße aus grünem Seidensatin mit Stickerei in Plattstichen. Die Sohle ist aus naturfarbener Baumwollstoff.

B. Clever