Frau der Avantgarde

Bild der 02. Woche - 13. Januar bis 19. Januar 2014

Ljubow Popowa, Porträt einer Frau (Relief), 1915 Öl auf Papier, Pappe und Holz, 66,3 x 48,5 cm Köln, Museum Ludwig, ML 01284

Die Malerin Ljubow Popowa (1889 - 1924)

Ljubow Popowa, Porträt einer Frau (Relief), 1915 Öl auf Papier, Pappe und Holz, 66,3 x 48,5 cm Köln, Museum Ludwig, ML 01284

Das aktuelle Bild der Woche zeigt ein Gemälde von Ljubow Popowa. - Dieser Name klingt in unseren westeuropäischen Ohren zunächst osteuropäisch - soweit richtig. Dann klingt er auch nach einem Maler, - dies ist jedoch falsch. Ljubow Sergeevna Popowa war eine Frau. 1889 in der Nähe von Moskau geboren lernte sie 1907-08 in den Ateliers der Moskauer Künstler Schukowski und Juon. 1912/13 findet man sie - wie fast alle russischen Künstlerinnen der Zeit - in Paris. In der französischen Hauptstadt arbeitet und studiert sie zusammen mit Nadeschda Udalzowa und Alexandra Exter. Mit diesen sowie mit Olga Rosanowa, Warwara Stepanowa und Nadeschda Udalzowa wird sie zu den führenden Künstlerinnen der russischen Avantgarde gezählt. Nachdem Sie sich in den frühen Jahren mit dem Konstruktivismus beschäftigt hatte, begegnet sie besonders in Paris dem Kubismus. Von einflußreicher Bedeutung für ihr weiteres Schaffen war dann auch der italienische Futurismus des Umberto Boccionis, bei dem Sie der Gedanke des nicht in sich verharrenden, sondern sich in den Raum "ausweitenden" Kunstwerks faszinierte.

Diese Durchdringung von Linie, Fläche, und Raum kann man auch bei unserem Bild "Porträt einer Frau" ablesen. Der Untertitel dieses Werkes lautet "Relief" - und in der Tat beschränkt sich das Bild nicht auf eine Zweidimensionalität. Vielmehr wölbt sich die Malfläche - mithilfe von Konstruktionen aus Pappe und Holz - aus der Fläche in den Raum. Wie stark dies zum Teil geschieht, ist bei dieser zweidimensionalen, digitalen Reproduktion des Kunstwerkes nur sehr schwer zu erkennen. Dies hat seine Ursache auch in der bewußt die Schattenwirkung der Plastizität reduzierenden Malerei. Popowa spielt hier mit der Vorstellungskraft des Betrachters. Die Bildfläche löst sich immer wieder neu in tatsächliche oder vermeintliche, räumliche oder flächige Strukturen auf. Wie weit sich das Bildthema "Porträt einer Frau" in kubistische Strukturen aufgelöst hat, erkennt man besonders, wenn man zum Vergleich das wenige Monate vorher entstandene Gemälde "Sitzender weiblicher Akt" (s. kleines Bild rechts) vergleichend betrachtet. Ein Überbleibsel "der realen Welt" sind auf unserem Bild links oben die an Kacheln erinnernden quadratischen Strukturen mit Sternmotiv.

Popowa arbeitete als Malerei aber auch als Graphikerin, Illustratorin, Typographin und Bühnenbildnerin. Ihre Bedeutung kann man mit dem gern zitierten Satz von Evelyn Weiss (Museum Ludwig) zusammenfassen: "Das Werk von Ljubow Popowa gilt heute als ein Kulminationspunkt russischer Avantgarde, als ein Werk von herausragender Eigenständigkeit, das gleichzeitig in seiner Entwicklung auch als Summe der wichtigsten Experimente, als eine Art künstlerische Methodologie der russischen Avantgarde insgesamt betrachtet wird."

Ljubow Sergeevna Popowa, seit 1918 mit dem Kunsthistoriker Boris von Eding verheiratet, starb früh mit 35 Jahren im Jahre 1924 an Scharlach.

T. Nagel