„Adel verpflichtet“

Bild der 11. Woche - 17. März bis 23. März 2014

Wandbehang mit dem Wappen der Familie Gyr Köln, 14. Jahrhundert Mischgewebe, Wolle und Leinen, 33 x 56 cm Museum Schnütgen, N 1083

Das heutige Bild der Woche zeigt ein kleines Stück farbigen Stoffes aus dem Bestand des Museum Schnütgen. Auf den ersten Blick zwar dekorativ, aber ohne größere Anziehungskraft. Beschäftigt man sich jedoch näher mit diesen wenigen Quadratdezimetern, so gewinnen diese ihre Faszination dadurch, daß sie einen Bezug zur Geschichte Kölns vor vor 700 Jahren herstellen: Köln im 14. Jahrhundert. Noch gibt es nicht das Regiment der Zünfte und des Rates. Köln wird durch die Patrizier regiert. Es herrschen die vornehmen Familien, die Geschlechter. Aber auch bei diesen gibt es Unterschiede. So gibt es die Familien, die ihren Einfluß und Reichtum dem Handel verdanken, wie z. B. die Familien Overstolz oder Hirzelin. Es gibt aber auch den „Uradel“, die alten Familien Kölns, wie die Familien Scherfgin, Raitze, Kleingedank und nicht zuletzt Gyr.

Einer der führenden Patrizier ist Hartmann Gyr, geboren um 1150/60. Er ist nicht nur angesehen, sondern bereits am Anfang des 13. Jahrhunderts sehr begütert. Seine Kinder sind mit den angesehensten Familien Kölns verschwägert und nach seinem Tod 1231 ist seine Witwe Guderad (um 1155/60 – nach 1241) finanziell in der Lage, das Zisterzienerinnenkloster Marienbronn in Burbach nahe Köln zu stiften.

Auch die Besitztümer der Familie Gyr in der Stadt selbst sind umfangreich. So gehören die Höfe Kovelshof, Schöneck und Gürzenich Mitgliedern der Familie. Gyr ist auch eine mächtigen Familien in Köln. Im 14. Jahrhundert bekleiden die „Gyrs“ 16 mal das Amt des Bürgermeisters und sind zahlreich in Schöffenkollegien, Rat und Richerzeche, dem Verwaltungsgremium der Stadt zur Zeit des Patrizier, vertreten.

Für einen dieser vornehmen und reichen Mitglieder der Familie Gyr wurde im 14. Jahrhundert von einem Kölner Weber dieser Stoff mit dem Familienwappen angefertigt. Ein Stoff, welcher als Wandbehang dem Raum, den er schmückte, einen herrschaftlichen Ausdruck verlieh. Vor rotem Grund sieht man symmetrisch angebrachte blaue Vierpässe mit jeweils drei in weiß ausgeführten steigenden Löwen. Die Funktion des Stoffes als Wandbehang und die Tatsache, daß Kölner Bürger ihr Wappen derart deutlich präsentieren ließen, macht deutlich, welches Selbstverständnis das an der Stadtverwaltung teilhabende Bürgertum Kölns für sich im 14. jahrhundert in Anspruch nahm. Die „Gyrs“ waren der Kölner „Hochadel“.

Dieser Stoff zählt zu den frühen Beispielen des sogenannten Tirtei, eines im 14. und 15. Jahrhunderts in Köln, aber auch in Frankreich und den Niederlanden produzierten Mischgewebes aus Wolle oder Seide und Leinen. Für Köln wurde er zum wirtschaftlichen Erfolg und Exportschlager, sodaß sich die eigene Zunft der Tirtei-Weber bilden konnte.

T. Nagel