Innen und Außen

Bild der 01. Woche - 6. Januar bis 12. Januar 2014

Kölnisch, um1400, Außenflügel eines Altares mit der Anbetung der Könige, München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek, WAF 451; Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Gemäldesammlung, WRM 0335, Nussbaumholz, 33,4 cm hoch ), Aufnahme Wallraf-Richartz-Museum, Köln.

Kölnisch, um1400, Innenflügel eines Altares mit Verkündigung und Kreuzigung, München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek, WAF 451; Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Gemäldesammlung, WRM 0334, Nussbaumholz, 33,5 cm hoch), Aufnahme Wallraf-Richartz-Museum, Köln.

Röntgenaufnahme des Münchener Flügels (München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek, WAF 451), Aufnahme Wallraf-Richartz-Museum, Köln.

Das Wallraf-Richartz-Museum führte in den letzten Jahren zusammen mit dem Doerner-Institut (München) ein Forschungsprojekt durch, das die Maltechniken und -materialien der Kölner Maler des Spätmittelalters in den Blick nahm. Aktuell werden die Ergebnisse in der großen Sonderausstellung "Geheimnisse der Maler" präsentiert. Im Rahmen dieses Forschungsprojekts „Die Sprache des Materials“ wurde man auf ein Kölner Werk aufmerksam, das aus zwei beidseitig bemalten Tafeln besteht. Sie sind auf die Museen in Köln und München verteilt und in der genannten Ausstellung vorübergehend wieder vereint. Diese angeblich zu einem Triptychon gehörenden Flügel zeigen außen die Anbetung der Könige (s. Hauptbild) und innen die Verkündigung (links) sowie den Gekreuzigten zwischen Maria und Johannes (rechts) (s. Bild rechts).

Auf der Röntgenaufnahme des linken Flügels der Anbetung der Könige (s. 2. Bild rechts) ist zu sehen, dass das Kind der „Königsanbetung“ (außen) sich mit dem frommen Schrifttum der Verkündigungsmaria (innen) überlagert. Beim Schließen des Flügels nahm das Jesuskind den Platz der beiden Bücher (vielleicht Altes und soeben er-öffnetes Neues Testament) ein, womit das „Wort“ gut sichtbarlich „Fleisch“ wurde (Joh 1,14)

Dieser Austausch der Schrift gegen das Kind wird umso deutlicher, als die sitzende Mutter beim Aufklappen des Altärchens nahezu unverändert bleibt. Auch der kniende Verkündigungsengel wird lediglich ersetzt durch einen ebenfalls und an gleicher Stelle knienden König.

Durch den – gleichsam in der Tafeltiefe angesiedelten – Bezug zwischen Innen und Außen ergibt sich eine ikonographische (um nicht zu sagen: theologische) „Transparenz“, die von der Röntgenaufnahme in einer für den Maler unvorhersehbaren Weise sichtbar gemacht wird.

Mit dieser Transparenz geht eine mediale Selbstreflexion einher. Sie zeigt sich im Bild der Verkündigungsmaria durch das mehrfache Paraphrasieren des Klappvorgangs anhand von offenen und geschlossenen Büchern und Tabernakeltüren. Sollte es sich bei diesen Tafeln selbst um Tabernakeltüren gehandelt haben, so läge eine verkleinerte Wiederholung der Bildtafel in sich selbst vor und somit das, was wir aus der Wappenkund als mise-en-abîme kennen. Der Maler und/oder sein Auftraggeber wären dann wohl auf dem gedanklichen Umweg über die Heraldik auf eine bildliche Meta-Ebene vorgestoßen

R. Krischel