Flüchtiger Augenblick

Bild der 31. Woche - 30. Juli bis 5. August 2012

Johann Anton de Peters (1725-1795), Sitzende junge Frau im Hemd, Schwarze Kreide, weiß gehöht, auf blauem Vergé, 35,3 x 25,2 cm, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Inv. Z 601 – Foto: Dieter Bongartz
Johann Anton de Peters (1725-1795), Sitzende junge Frau im Hemd, Schwarze Kreide, weiß gehöht, auf blauem Vergé, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Inv. Z 603 – Foto: Dieter Bongartz

Eine junge Frau sitzt mit angewinkeltem Bein auf der Stuhlkante und ist im Begriff, ihren linken Strumpf auszuziehen. Dieser spannt sich um ihr rechtes Knie, gezogen von der dahinter verdeckten Hand. Jemand außerhalb des Bildes erregt dabei ihre Aufmerksamkeit; sie blickt fragend hinter sich und hält in ihrem Tun inne. Im nächsten Moment wird der Strumpf von ihrem Fuß gleiten, wird der Augenblick, der den Künstler dieser Zeichnung, Johann Anton de Peters () gefesselt hat, vorüber sein. Der Eindruck momenthafter Unmittelbarkeit verdankt sich dem Motiv ebenso sehr wie der skizzenhaften Ausführung, die es bei einer bloßen Andeutung der Räumlichkeit durch die leicht gewischte Schraffur eines Schattens belässt. Die junge Frau mit Spitzenhaube ist in ihrem losen Unterkleid bei einer intimen Verrichtung dargestellt, doch mied Peters alle Anzüglichkeit. Sein erster Biograph Johann Jakob Merlo dagegen warf ihm vor, sich anders als das Vor- und Gegenbild des „zart und edel empfindenden“ Jean-Baptiste Greuze in „Darstellungen der Lüsternheit“ gefallen zu haben. Sieht man davon ab, dass Merlo offensichtlich nicht das ganze Werk Greuzes überblickte, gilt Peters’ Interesse gerade nicht der tief dekolletierten Brustpartie oder dem nackten linken Oberschenkel, die im Gegensatz zu den weiß gehöhten Gewandpartien fast flächig angelegt sind. Die häusliche Intimität hat wenig gemein mit den kokett erotischen Darstellungen François Bouchers (s. BdW 25/2001) oder der berühmten Blattfolge Antoine Watteaus, in der eine junge Frau in verschiedenen Zuständen der Entkleidung bis hin zum Akt posiert. Ähnliche Haltungsmotive nutzte Peters mehrfach für Darstellungen sich zum Bade entkleidender Nymphen und Dianen, doch ist es wenig wahrscheinlich, dass sich die Zeichnung direkt in diesen Zusammenhang einordnet. Vielmehr scheint Peters in einer Studie – ebenfalls im Bestand des Wallraf-Richart-Museum & Fondation Corboud - (s. Bild rechts), die auf dem gleichen blauen Papier in schwarzer und weißer Kreide ausgeführt ist, die junge Frau in nur leicht abweichender Haltung auf dem Stuhl sitzend bei der Fußpflege festgehalten zu haben. Die Verbindung beider Blätter spricht für die reizvolle Unmittelbarkeit einer Alltagsbeobachtung, die ohne konkreten Zweck entstand.

P. Riemenschnitter