Skulpturen aus Porzellan

Bild der 24. Woche - 11. bis 17. Juni 2012

Leuchter mit Schäferpaar, Hoechst um 1755, Porzellan, Höhe 25,5 cm, Museum für Angewandte Kunst, Köln, E 2913

Die in dieser Serie bereits zweifach vorgestellten Einblicke in die Geschichte des europäischen Porzellans kann man mit Blick auf den Bestand des Museums für Angewandte Kunst in Köln leicht um eine weitere Facette erweitern: das figürliche Porzellan. Bereits kurz nachdem es in Dresden 1709 gelungen war, das ostasiatische Porzellan nachzuahmen, kam der Gedanke auf, dieses Material als eine Art Kunststein zur Herstellung skulpturaler Gegenstände zu nutzen - wobei man zunächst nicht nur die Kleinskulptur im Auge hatte. Nach verschiedenen Experimenten gelang um 1730 in Meißen die Herstellung lebensgroßer Tierplastiken. Bereits 1735 wandte man sich jedoch der marktgerechten Kleinplastik zu, weniger aus technischen Problemen und wohl mehr, um die Manufaktur der ständig steigenden Nachfrage anzupassen. Mit Hilfe der chinesischen Porzellanherstellung hatten fürstliche Häuser bereits Sammlungen von Porzellanskulpturen zusammengetragen. So gab es kaum ein bedeutendes barockes Schloß, das nicht ein Porzellankabinett besaß, Räume, in denen figürliches Porzellan als wandfeste Ausstattung zu sehen war. Hier fanden die europäischen Manufakturen zwar Vorbilder und Abnehmer für ihre figürlichen Produkte, der Normalfall für diese Art des Porzellans war jedoch die Figur oder das Schaustück auf Kommoden, Konsolen, Kaminen sowie in besonderem Maße als Tischverzierung. Letztere wurde vor allem beim Desert verwendet und trat an die Stelle der kunstvoll aus Teig- und Zucker hergestellten Nachtisch-Aufbauten. Eines der Hauptthemen dieser Tischfiguren war die Darstellung des Gartens mit Blumen, Früchten, Tieren, Gärtner, Schäfern usw. In der Umgebung des Gartens erschienen Götter, mythologische Gestalten oder Personifikationen etwa der vier Elemente oder der fünf Sinne. Im Rokkoko wurden die hochbedeutenden Programme des barocken Tafelaufsatzes weithin ins Gefällige gewandelt. Man wendete sich nun der Spiegelung des erwünschten menschlichen Daseins zu: dem unbeschwerten Leben und Lieben der Schäfer und Schäferinnen. In diese Zeit fällt die Entstehung des hier gezeigten Tischaufsatzes, eines Leuchters mit Schäferpaar, in Höchst um 1755 hergestellt. Die Manufaktur von Höchst existierte seit 1746. Versuchsweise hat man den Entwurf dieses Figurenpaares einem Bildwerker mit Namen Simon Feiler zugeschrieben, obwohl dieser nur bis 1753 in Hoechst arbeitete. Wie kann man sich nun die Herstellung einer solchen Figur vorstellen? Da zumindest die Grundform in Serie hergestellt werden sollte, konnte man nicht Figur für Figur in der Porzellanmasse modellieren. Daher wurde zunächst ein Gipsmodell angefertigt. Dieses wurde nach seiner Fertigstellung in mehrere kleine Teile zerschnitten. Von diesen wurden Hohlformen hergestellt, mit deren Hilfe schließlich Porzellanteile gegossen wurden, indem man die Porzellanmasse mit Zusätzen verflüssigte. Mit Porzellanmasse als Kleber zusammengefügt und an den Schnittstellen nachgearbeitet, entstand so eine Porzellanfigur, welche im Ofen gebrannt werden konnte. Während des Brennvorganges büßte die Figur deutlich an Größe ein, ohne daß sie ihre Proportionen verloren hätte. Abschließend erfolgte die Bemalung mit entsprechenden Verfahren.

T. Nagel