Lady in Red

Bild der 30. Woche - 23. bis 29. Juli 2012

Johann Anton de Peters, Junge Frau, ein Buch lesend, Rote Kreide auf Vergé, 39,8 x 34,7 cm, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Inv. Z 994 – Foto: Dieter Bongartz

Das Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud besitzt eine ganze Reihe herausragender Zeichnungen des Kölner Künstlers Johann Anton de Peters (s. BdW 01/2004, 22/2012). Anlässlich der aktuell laufenden Ausstellung (s. u.) sollen an dieser Stelle in den kommenden vier Wochen einzelne Blätter dieser Sammlung vorgestellt werden. Eine junge Frau sitzt in ihre Lektüre versunken auf einem Fauteuil, das Buch vor sich auf einen Tisch mit einem Kissen gelegt. Über dem Kleid trägt sie ein seidenes „mantelet“, ihre aufgetürmte Frisur verrät die Entstehung des Blattes in den späten 1770er Jahren. Der atemberaubende Grad der zeichnerischen Ausführung gibt dem Schimmern der Seide, dem Brokat von Kissen und Fauteuil und der filigranen Spitze eine geradezu haptische Anmutung. Ein schmaler Lichtrand verrät, dass die Zeichnung zeitweise gerahmt an einer Wand hing. Alle Bearbeiter dieser Zeichnungen von Johann Anton de Peters (1725-1795) müssen das Blatt mit erheblicher Irritation betrachtet haben, denn es wurde noch nie ausgestellt, abgebildet oder auch nur in der Literatur erwähnt. Ein Grund dafür dürfte sein, dass sich der Begriff des zeichnerischen Endprodukts im Œuvre des Künstlers allein mit Mischtechniken verband, die unter Verwendung von Aquarell und Gouache auf eine gemäldehafte Wirkung zielen. Dagegen ist dieses Blatt in Rötel noch präziser ausgearbeitet, verleugnet aber seinen Charakter als Zeichnung nicht: Es gibt keinerlei Andeutung eines Raumes im Hintergrund, die Leserin an ihrem Tisch hebt sich in der Makellosigkeit der Ausführung vor dem sonst leeren Papier ab. Der außerordentliche Grad der Durcharbeitung wie auch das Motiv der Leserin erinnern an Reinzeichnungen von Jacques-André Portail. Dass Peters zu einer ähnlich minutiösen Wiedergabe der Stofflichkeit fähig war, belegen manche Partien seiner weiteren erhaltenen zeichnerischen Gewandstudien. Eine offenbar zeitnah entstandene, noch größere Rötelzeichnung einer lesenden Frau stellte Peters 1779 im Salon de la Correspondance aus. Handelte es sich dabei um eine Genredarstellung, so nutzte Peters das Motiv der Leserin an einem Tisch auch für eine Zeichnung in Mischtechnik, die am gleichen Ort als Portrait einer namentlich allerdings nicht identifizierten Dame präsentiert wurde.

G. Walczak