Goldenes Hauptwerk

Bild der 26. Woche - 25. Juni bis 1. Juli 2012

Raymond Duchamp-Villon, Femme assise, 1914-15, Bronze, vergoldet, Höhe (Skulptur und Marmorbasis): 79 cm, Museum Ludwig Köln, Sammlung Ludwig, ML 1273

Der Bildhauer Raymond Duchamp-Villon (1876-1918) trägt einen berühmten Namen. Als Mit "Duchamp" wird landläufig sein Bruder Marcel (1887-1968) gemeint. Vielleicht hätte sich dies geändert, wäre er nicht bereits mit 42 Jahren gestorben. Duchamp-Villon hatte zunächst 1894 ein Medizinstudium begonnen, dass er jedoch 1898 abbrach. Nun widmete er sich als Autodiadkt der Kunst. Um 1900 begann er an Skulpturen zu arbeiten. Er wurde Schüler von Rodin, später von Maillol. Seit 1911 gab es regelmäßige Treffen der "Puteaux-Gruppe" (Puteaux ist der Wohnsitz von Duchamp-Villon), zu der, neben seinen Brüdern Marcel Duchamp und Jacques Villon, bekannte Künstler wie Archipenko, Delaunay, Gleizes, Léger, Gris, Marc und andere zählen. Im Jahre 1912 stellte er zusammen mit den Künstlern dieser Gruppe im Salon de la Section d'Or, Galerie La Boétié, Paris, aus. 1913 war er beteiligt an der berühmten "Armory Show" in New York und am "Ersten Deutschen Herbstsalon" in Berlin. 1914 nahm er an einer Ausstellung in der Galerie "Der Sturm" in Berlin teil. 1915 wurde Duchamp-Villon zum Kriegsdienst eingezogen und starb 1918 im Militärkrankenhaus an den Folgen von Überanstrengung im Frontdienst, in welchem er als Hilfsarzt gewirkt hatte. Duchamp-Villon richtete seine künstlerische Arbeit ganz auf die Bereiche der Skulptur und Architektur aus. Seine Plastik Femme assise (Sitzende Frau) zählt neben der ebenfalls 1914 entstandenen berühmten Skulptur Le cheval (Das Pferd) zu seinen Hauptwerken. Neben den Gestaltungskriterien des Kubismus inspirierten den Bildhauer in formaler Hinsicht die auf Urformen reduzierten Skulpturen von Constantin Brancusi und die Maxime der italienischen Futuristen, einen Bewegungsmoment auch plastisch umzusetzen. Die "sitzende Frau" ist einerseits durch die Bewegung des sich Zusammenziehens gepägt. Die Körperformen schließen sich zusammen, als wollten sie – die scheinbare eigene Nackheit? – vor Blicken schützen. Andererseits ist den Körperteilen die Individualität genommen durch kuibistische Ausformung. Die einzelnen Elemente sind mehr aufeinander getürmt oder aneinandergereiht als verbunden.

T. Nagel