In bunten Farben

Bild der 20. Woche - 14.bis 20. Mai 2012

Troja-Teller Meister "F. R.", Urbino um 1530, Durchmesser 26 cm, Museum für Angewandte Kunst, Köln, E 1602
 

Die an dieser Stelle begonnene Serie mit Werken des Museums für Angewandte Kunst zu verschiedenen Arten der Keramik hatte sich neben Steinzeug (BdW 9903) und Böttgersteinzeug (BDW 9909) zu Beginn auch mit dem Thema Fayencen (BDW 9904) beschäftigt. Der heute vorgestellte Teller gehört zur Gattung der mit den Fayencen eng verwandten bzw. auch zu den Fayencen gezählten Majolika - bezeichnet nach dem Hauptumschlagplatz dieser Ware im 15. und 16. Jahrhundert, der Insel Mallorca. Beide Keramikarten besitzen eine weißliche Zinnglasur, welche über der feinen Tonmasse den Grund für farbige Malerei darstellt. Derartige Erzeugnisse aus den südlichen Ländern Italien und Spanien werden Majolika genannt, während diese Ware aus den Ländern Deutschland, Niederlande und Frankreich als Fayencen bezeichnet werden. Darüber hinaus unterscheiden sich Fayencen und Majolika dadurch, daß letztere vornehmlich im 15. und 16. Jahrhundert hergestellt wurden, während die Blüte der Fayencen ab dem 17. Jahrhundert einsetzte. Majolika weisen ferner eine stärkere Bemalung auf und benutzen vier Hauptfarben: Kufergrün, Antimongelb, Kobaltblau und Manganviolett. Der Dekor der Fayencen ist dagegen auf eine oder wenige dieser Farben beschränkt. Die europäischen Majolika stützten sich in ihrer Entwicklung auf die Keramik des islamischen Orients, mit welchem Spanien durch seine Zusammengehörigkeit zum islamischen Reich schon früh in kulturellem Austausch gestanden hatte. Auch die erste italienische Produktion mit künstlerischem Anspruch setzte im 15. Jahrhundert unter dem Einfluß der spanisch-maurischen, also spanisch-islamischen Keramik ein. Der hier vorgestellte Teller entstammt der Werkstatt eines nur mit seinen Initialen "F. R." bekannten Meisters aus Urbino und wurde etwa um 1530 hergestellt. Nach langer ornamentaler Majolikamalerei in Italien faßte Ende des 15. Jahrhunderts in den großen Töpferstädten Faenza und Caffagiolo der sogenannte Istoriati-Stil (Historienstil) Fuß. Sein Erkennungsmerkmal waren Darstellungen geschichtlicher, figürlicher Themen. Der wohl größte Meister dieser Malerei, Nicola Pelliparios aus Castel Durante, ließ sich 1528 in Urbino nieder und brachte damit die figürliche Art des Tellerdekors auch in die Herkunftsstadt des hier vorgestellte Stückes. Der Teller zeigt in Anlehnung an Homers Dichtung Ilias die Flucht des Aeneas und seines Vaters Anchises aus Troja. Die Griechen belagerten unter Agamemnons Führung Troja. Durch die List des trojanischen Pferdes konnten sie die Stadt schließlich nach 10 Jahres erobern. Trojas König Priamos und seine Männer fanden den Tod, die Frauen wurden gefangengenommen und nur Aeneas entkam mit einem Teil der Trojaner. Deutlich lehnt sich die Komposition dieser Szene an ein Gemälde Raffaels in Rom an, den Brand der Stadt Borga in den Stanzen des Vatikan. Bild – Querformat (s. kleines Bild). Aus diesem etwa 15 Jahre vorher entstandenen Werk Raffaels greift unser Meister die Figur des den alten Mann tragenden Jünglings auf und deutet sie auf den seinen Vater Anchises aus Troja hinaus tragenden Aeneas um. Daß beide Figuren seitenverkehrt dargestellt werden, weist darauf hin, daß der Meister das Gemälde nicht aus eigener Erinnerung als Vorlage benutzte, sondern - wie in seiner Zeit durchaus üblich - auf einen Stich zurückgreifen konnte: Der Hersteller dieses Stiches hatte die Szene in Rom abgezeichnet, was beim Druck dann zu einer seitenverkehrten Darstellung führte. Diese wiederum malte unser Meister ab. Sicherlich wird der Meister "F. R." auch die Teller des Nicola Pelliparios gekannt haben, der dieses Thema nach seiner Niederlassung in Urbino ebenfalls mehrmals malte. Die Serie wird fortgesetzt.

T. Nagel