Die Kölsche han immer jän jesunge – 170 Jahre Kölner Männer-Gesang-Verein

Bild der 17. Woche - 22. bis 29. April 2012

Widmungsblatt für den Kölner Männer-Gesang-Verein, 1854, Chromolithographie von David Levy Elkan, 33 x 21 cm, Kölnisches Stadtmuseum
Die gestohlene Kaiserkette 1912, Verlag Johannes Böttger, Köln, Postkarte (Lichtdruck), 9 x 14 cm, Kölnisches Stadtmuseum

Vor 170 Jahren fand am 27. April 1842 in der Privatwohnung des Gastwirts Josef Wessel in der Georgstraße 7 auf Initiative von Kaspar Krahe (1810–1877), dem Verwalter des städtischen Waisenhauses am nahe gelegenen Perlengraben, die Gründungsversammlung des Kölner Männer-Gesang-Vereins statt. Am folgenden Tag trafen sich im Bönn’schen Hof am Waidmarkt zwanzig Freunde des „unbegleiteten Männergesangs“, um die Statuten zu verabschieden. Domorganist Franz Weber (1805–1876) wurde einstimmig zum Musikdirektor gewählt. Erstes Probenlokal war die Musikalienhandlung Eck & Comp. in der Hohestraße 113. Wenige Monate später stand der Verein vor dem ersten Konflikt – es ging um die Beteiligung des KMGV an der Feier zur Grundsteinlegung zum Weiterbau des Doms. Der Verein lehnte nach der Musketier-Devise „Einer für alle, alle für einen“ seine Mitwirkung ab, weil Domkapellmeister Carl Leibl (1784–1870) den als Domorganisten tätigen Franz Weber anfeindete. Auf Bitten Webers stellte der Verein aber jedem einzelnen Mitglied frei mitzuwirken. In den folgenden Jahrzehnten wurde der KMGV zu einem bedeutenden Förderer des Dombaus. Bis heute hat er rd. eine Million EURO ersungen. Bei der 600 Jahr-Feier im August 1848 konzertierte der KMGV auch mit Jacques Offenbach (s. Bild der Woche 40/2005), der das Cello spielte. Der KMGV zeigte seinem Vereinsmotto „Durch das Schöne stets das Gute“ gemäß großes karitatives Engagement und übergab regelmäßig die Überschüsse seiner Konzerte an Einrichtungen der Armenpflege. Zum Dank durfte er einen Saal im ehemaligen Brauergaffelhaus in der Schildergasse 96 nutzen – dort fand am 16. Februar 1843 die erste öffentliche Aufführung statt. Nach Brand und anschließendem Verkauf des Gebäudes war der Verein 1862 heimatlos, bis die Stadt ihm die alte Ratskapelle vermietete. 1872 musste man jedoch den Altkatholiken weichen. Dem Verein wurde die alte Wolkenburg an der Wollküche zum Kauf angeboten. Die Umbaukosten verdoppelten sich rasch auf 80.000 Taler. Obwohl die Mitglieder des Vereins eher dem gehobenen bzw. Bildungsbürgertum zuzurechnen waren, musste das Geld mühsam durch Anteilsscheine aufgebracht werden; die ersungenen Erträge konnten nicht mehr nur für wohltätige Zwecke genutzt werden, sondern mussten auch zur Schuldentilgung dienen. Trotzdem konnte der KMGV am 22. Februar 1874 seinen Einzug in das neue, prachtvolle Domizil feiern. Von Anfang an hatte der KMGV großen Erfolg. Bald folgten Einladungen in andere Orte, selbst ins Ausland. 1844 reiste man nach Gent, 1853 gab es die erste Konzertreise nach London. Die zehn Konzerte wurden vom englischen Publikum derart begeistert aufgenommen, dass die Sänger von Queen Victoria und Prince Albert in den Buckingham Palast zu Victoria und Albert eingeladen wurden. Der Zeichner und Lithograph David Levy Elkan (18081–1865) war von Anfang an eng mit dem KMGV verbunden. 1854 widmete er seinem Lieblingsgesangsverein dieses Schmuckblatt, das sowohl das Engagement für den Dombau als auch für die Wohlfahrt darstellt und selbst die Gastkonzerte in anderen Städten nicht auslässt (s. Spruchband des Engels). Die gestohlene Kaiserkette Auch das preußisch-deutsche Herrscherhaus zeigte sich angetan. 1867 schenkte König Wilhelm dem KMGV zum 25-jährigen Jubiläum einen kunstvoll gearbeiteten Taktstock. 1896 stiftete Kaiser Wilhelm II. als Wanderpreis für den besten Männergesangverein des Deutschen Reiches eine prachtvolle Kette (s. Bild rechts), die der KMGV 1899 erstmals errang. Man drapierte damit die Kaiserbüste in der Wolkenburg. 1909 gewann der Verein die Kette erneut. Damit alle sie bewundern konnten, wurde sie nun im Historischen Museum in der Eigelsteintorburg ausgestellt. In der Nacht zum 20. Juni 1912 gelangten Diebe mittels einer Strickleiter durch ein kleines Fenster im 2. Stock in das unbewachte Museum und stahlen dabei auch die Kette, die sie umgehend einschmolzen und in Bier und Schabau umsetzten. Der Verein musste eine neue Kette anfertigen lassen. Diese gewann der Berliner Lehrergesangverein – wohl nicht ohne Zutun des Kaisers. Der KMGV beschloss jedenfalls, sich in Zukunft nicht mehr an Wettstreiten zu beteiligen.

R. Wagner