Von Christus umarmt

Bild der 14. Woche - 2. bis 8. April 2012

Krümme eines Abtsstabes, süddeutsch, um 1547, Kupfer versilbert und vergoldet, gegossen, getrieben, graviert und ziseliert, 37 x 15,8 cm, Köln, Museum Schnütgen, G 568
Detail mit dem Wappen des Stifters

Was hier auf den ersten Blick als Teil eines Bischofstabes erscheint, wird durch die Darstellung in der Krümme und durch das dort sichtbare Wappen des „Besitzers“ als Stab eines Zisterzienser-Abtes gekennzeichnet. Seit dem Mittelalter haben die Äbte der benediktinischen Ordensgemeinschaften als Zeichen Ihrer Amts- bzw. Hirtengewalt einen Stab. Dieser hier hat – im Gegensatz zu vielen Bischofsstäben – eine nach außen gerichtete Krümmung Zunächst zur Herkunft der im Museum Schnütgen aufbewahrten Arbeit eines unbekannten Goldschmiedes: Nachdem man diesen Stab lange dem Zisterzienserkloster Altenberg zugeordnet hatte, da er aus der Sammlung des Kölner Bürgermeisters Karl Thewalt stammt, welche 1903 versteigert wurde, konnte in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts das Wappen gedeutet werden (s. Bild rechts), welches zu Füßen des knienden Heiligen zu sehen ist und die Rückseite des Wappens des heiligen Bernhard bildet (schachbrettartige Schräglinks-Balken). Es handelt sich um das Wappen des 1547 zum Abt des Zisterzienserklosters Bebenhausen gewählten, im damals nahen Tübingen geborenen Sebastian Lutz (Bebenhausen ist heute ein Stadtteil von Tübingen). Damit ist sowohl der Herkunftsort als auch die Datierung des Stabes geklärt: 1547, vermutlich Arbeit einer süddeutschen Goldschmiedewerkstatt. Die Darstellung in der Krümme des Stabes verweist ebenfalls auf die Zisterzienser, zeigt sie doch eine Kernszene des mystischen Lebens des Hl. Bernhard von Clairvaux (1090-1153), des Gründers der Zisterzienser: Christus umarmt vom Kreuz her den betenden Bernhard. Die Szene wird von einem der Biographen des Heiligen, Konrad von Eberbach (gest. 1221), in seinem Werk: 'Exordium magnum Cisterciense’ geschildert: Ein Mönch sah Bernhard im Gebet vor dem Altar ausgestreckt liegen, vor ihm ein Kreuz, welches er verehrte. Dann schien es ihm, dass der Gekreuzigte seine Arme vom Kreuz löste und Bernhard umarmte. Diese Szene wurde zu einer der Kernszenen zisterziensischer Spiritualität und christlicher Mystik. Sie macht deutlich, dass die Seele des Menschen aufgerufen ist zu einer persönlichen Liebensbeziehung mit Christus und dass die Liebe Christi nicht nur allgemein seiner Kirche gilt, sondern jedem einzelnen Menschen. Die Darstellung der Umarmung des Heiligen durch Christus (Amplexus) lässt sich als selbständiges Bildthema seit dem 15. Jh. in der Kunst nördlicher der Alpen nachweisen und scheint auch hier entstanden zu sein. Sie wurde im 16. Jh. zu einem wichtigen Bildthema der katholischen Gegenreformation und scheint so bei diesem Abtsstab geradezu programmatisch gewählt zu sein, da die Mönche zum Zeitpunkt der Entstehung des Abtsstabes durch die Einführung der Reformation im Herzogtum Württemberg (1535) aus Ihrem Kloster vertrieben waren.

T. Nagel