Hochmut vor dem Fallrückzieher

Bild der 19. Woche - 7. bis . 13 Mai 2012

Hendrick Goltzius, Sturz des Ikarus (aus der Serie „Himmelsstürmer“), Kupferstich auf Vergé, Durchm. 33 cm (Platte), Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Graphische Sammlung, Inv.-Nr. 05742, Foto: D. Bongartz
Hendrick Goltzius, Sturz des Phaeton (aus der Serie „Himmelsstürmer“), Kupferstich auf Vergé, Durchm. 33 cm (Platte), Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Graphische Sammlung, Inv.-Nr. Inv. 0394, Foto: D. Bongartz
Karl-Heinz Rummenigge bei einem Fallrückzieher im Jubiläumsspiel Deutschland – Italien, 1982 in Stuttgart, zu Hansi Müllers 50. Geburtstag, Foto: Eckhard Eibner, © Eibner-Pressefoto

Phaeton und Ikarus. Von den Göttern für ihren Hochmut bestraft, stürzen sie, noch vor Muskelkraft strotzend doch ohne Ausweg, vom Himmel herab in die Tiefe. Hendrick Goltzius (Bracht 1558 - 1617 Haarlem) stach die beiden Rundbilder (Tondi) beachtlichen Durchmessers in meisterhafter Manier (zusammen mit zwei weiteren aus der Serie „Himmelsstürmer“) im Jahre 1588 für den Druck in weiches Kupfer. Ovid beschreibt in seinem Götter-Mythos die hierbei sinnbildliche Moral des Hochmuts und der Überheblichkeit. Voller Pathos bringt Goltzius mittels Mimik und Gestik das Gefühl der Stürzenden zum Ausdruck. Ikarus, offenbar zur Einsicht bereit, führt seine linke Hand geöffnet zur Stirn. Phaeton zeigt mit einer Hand zum Himmel, mit der anderen zur Hölle und markiert so seine Position in der Zwischenwelt. Ist der Hochmut (Superbia) nach katechetischer Tradition noch eine der sieben Todsünden, scheinen die mit ihm in Verbindung stehenden Charaktereigenschaften wie Selbstüberschätzung, Eitelkeit und Arroganz heute, in Zeiten medialer Selbstinszenierung, längst legitimiert zu sein? Indem sie die gesellschaftliche Diskussion über diese Frage anstoßen sind Goltzius’ Stiche heute aktueller den je. Noch ein weiterer Zusammenhang springt bei den beiden Stürmern des Himmels förmlich in Auge und Ohr. Erinnert die komplizierte Haltung von Phaeton und Ikarus stark an die eingefrorene Flugposition eines Stürmers im Fußballspiel, der, mit dem Rücken zum Tor des Gegners stehend, den hoch einfliegenden Ball über einen kunstvoll gezielten Schuss in Rücklage, und schließlich über sich selbst hinweg, dort unterzubringen vermag. Handelt es sich wohlmöglich um eine der frühesten bildlichen Darstellungen des sogenannten „Fallrückziehers“, wie diese Technik in der Fachsprache des Fußballsports genannt wird? Schließlich waren die Niederländer doch stets ein fußballbegeistertes Volk. Auch wenn die Wurzeln des modernen Fußballs im 19. Jahrhundert liegen; warum sollte der typische Bewegungsablauf des seit Jahrtausenden bekannten Sports Goltzius nicht bereits um 1600 von örtlichen Begegnungen bekannt gewesen sein? Eine gleichwohl hochmütige Frage? Wer immer bereits einmal versucht hat die Bewegung nachzuvollziehen; ein wenig Überheblichkeit gehört in der Tat dazu, den Ball in der Art des Fallrückziehers verwandeln zu wollen. Der Sturz des Körpers ergibt sich aus rein physikalischer Notwendigkeit heraus. An Überheblichkeit mangelt es manchem Fußballprofi von heute eher nicht. Aufgrund fehlenden sportlichen Ideals sollen sich bereits einzelne Akteure, bisweilen gar ganze Mannschaften sich in den Abgrund (in Form der tiefer liegenden Liga) befördert haben, so hört man. Insofern sei nicht nur den örtlichen Fußballclubs dieser Tage ein Besuch im Kölner Wallraf-Richartz-Museum besonders empfohlen. Hoch aktuell ist die Kunst, die hier zu sehen ist und die Einsicht zu gewinnen, dass Demut, nicht Hochmut, den Weg für Erfolge ebnet. Als Artist … auf und neben der Linie.

Th. Klinke