Im Tunnel

Bild der 32. Woche - 8. bis 14. August 2011

Friedrich Nerly, Die Grotte des Posillipo, vor 1847, Öl auf Leinwand, 127,9 x 96 cm, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud
Detail

Dieses Gemälde ist in mehrerlei Hinsicht eine Entdeckung, denn obwohl es gerade zu Friedrich Nerly (Erfurt 1807 – 1878 Venedig) in jüngerer Zeit wieder Publikationen und Ausstellungen gab, war dieses Bild selbst den Experten unbekannt geblieben. Man hätte von ihm auch eher liebliche Venedig-Veduten erwartet, mit denen Nerly, aus bescheidenen Verhältnissen in Erfurt stammend, zu einigem Erfolg gekommen war. Das Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud erfreut sich seit ein paar Jahren einer Dauerleihgabe aus Privatbesitz mit einer seiner populären Varianten der Piazzetta in Venedig. Nerly gelang es, mit malerischer Könnerschaft – als Zeichner war er herausragend! – und ansprechenden Effekten eine wohlhabende Kundschaft anzulocken. Dabei war er in Venedig schon auf der Rückreise aus Rom. Dort soll er innerhalb der deutschen Künstlergemeinschaft mehr durch seine Geselligkeit als durch sein Talent aufgefallen sein. Von dort aus wird es ihn auch nach Neapel geführt haben, in dessen Nachbarschaft die Komposition für dieses außergewöhnliche Gemälde entstand. Der Blick durch einen Tunnel ist in der Malereigeschichte wohl einmalig, obwohl gerade dieser Tunnel schon seit dem Altertum eine Attraktion war. Über 700 Meter lang führte das Bauwerk aus augusteischer Zeit durch den Posilippo-Hügel bei Neapel und kürzte den Weg zu den Phlegräischen Feldern ab. Goethe schrieb von seiner Italienischen Reise am 27. Februar 1787: „Gestern bracht’ ich den Tag in Ruhe zu, um eine kleine körperliche Unbequemlichkeit erst abzuwarten, heute ward geschwelgt und die Zeit mit Anschauung der herrlichsten Gegenstände zugebracht. Man sage, erzähle, male, was man will, hier ist mehr als alles. Die Ufer, Buchten und Busen des Meeres, der Vesuv, die Stadt, die Vorstädte, die Kastelle, die Lusträume! - Wir sind auch noch abends in die Grotte des Posilipo gegangen, da eben die untergehende Sonne zur andern Seite hereinschien. Ich verzieh es allen, die in Neapel von Sinnen kommen, und erinnerte mich mit Rührung meines Vaters, der einen unauslöschlichen Eindruck besonders von denen Gegenständen, die ich heut zum erstenmal sah, erhalten hatte.“ Wie aber soll man einen Tunnel malen, wenn er nicht einmal beschrieben werden kann? Andere Künstler behalfen sich mit Ansichten eines der Eingänge, aber nicht so Nerly. Im Goetheschen Gegenlicht sehen wir das übliche pittoreske Volk seinen Geschäften nachgehen. Ein Hirte mit Schafen, ein Mönch, der die Seitenkapelle für andächtige Frauen öffnet und ganz hinten ein Heuwagen. Das ganze ist spärlich von ein paar Deckenlampen beleuchtet, die sicher mühsam mit Brennstoff versorgt werden mussten. Es ist gerade die silhouettenhafte Erscheinung der entfernteren Figuren, die faszinieren und dem Bild einen geradezu modernen Charakter verleihen. Nerly bediente sich dabei eines Vorbildes von Hubert Robert und dramatisierte die Szene noch. Roland Krischel verwies außerdem auf ein Gemälde von Hieronymus Bosch, eines Künstlers also, dessen Wirkung auf deutsche Romantiker bisher nicht gerade im Fokus der Forschung stand. Dieses Gemälde befand sich aber zu Lebzeiten von Nerly in Venedig und ist noch heute im dortigen Dogenpalast. Es ist der „Flug zum Himmel“ von ca. 1500, ein Bild, das heute vor allem als Ikone für Nahtoderfahrungen genutzt wird und Licht am Ende eines Tunnels zeigt. Nerly dürfte aber nicht das Thema, sondern vielmehr der malerische Effekt interessiert haben. Das ganze ist in einer außergewöhnlichen Tupftechnik ausgeführt, die das immaterielle Licht in seiner Wirkung noch steigert. Die frühe Provenienz des Gemäldes unterstreicht seinen Rang und wird weitere Forschungen anregen. Offenbar hat es Friedrich Wilhelm IV. seinem Bruder Karl geschenkt. Nerly beriet das preußische Königshaus in Kunstfragen. Möglicherweise gelangte es später an den Bankier Wagener, dessen Sammlung die Keimzelle der Berliner Nationalgalerie wurde. Hier werden wir aber weitere Informationen nachliefern müssen, da der Zeitraum zwischen Wiederentdeckung, Erwerb durch das Kuratorium und Präsentation an das Publikum glücklicherweise kurz war. Im Italien-Saal der Abteilung 19. Jahrhundert wird das Gemälde jedenfalls neben Werken von Hackert, Koch, Schnorr von Carolsfeld, Blechen, Feuerbach und Böcklin eine gleichrangige Position einnehmen und von einer ganz besonderen Italien-Erfahrung Zeugnis ablegen.

A. Blühm