Geheimnis um eine Angorakatze Teil1

Bild der 26. Woche - 27. Juni bis 3. Juli 2011

Jean Honoré Fragonard und Marguerite Gérard, Die Angorakatze, um 1783-85, Öl auf Leinwand, 65 x 53,5 cm, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, erworben 2011
Nicolas de Largillierre, Die Marquise de Soucarières und ihr Page, Öl auf Leinwand, 134 x 103 cm, , Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Dep. 0853.

Am 1. Juli jährt sich die Eröffnung des ersten Museumsgebäudes des Wallraf zum 150. Mal. Anläßlich dieses Jubiläums erscheinen an dieser Stelle eine Reihe von Bildern der Woche. Heute Teil 1 zu einer der jüngsten Erwerbungen des Museums. Autoren dieses Textes sind Andreas Blühm und Roland Krischel. Am Vorabend der Französischen Revolution hatte sich die Mode schon darauf eingestellt, dass das höfische Zeremoniell einem bescheideneren, bürgerlichen Lebensstil weichen sollte. In der Kunst äußerte sich das in einer neuen Vorliebe für Genreszenen, einfache Kostümierung und eine gelöste Haartracht. Nicht mehr die Klassik Roms, sondern die undramatische Kunst der Niederlande stand hoch im Kurs. In diesem Geist wurde auch das hier gezeigte Gemälde geschaffen. Es zeigt eine junge, modisch gewandete Frau in einem holländisch anmutenden Ambiente. Der Teppich auf dem Tisch, das Gemälde im Hintergrund und die alte Dienerin sind typisch für Gemälde, die wir dem 17. Jahrhundert zuordnen würden. Aber die Grazie der Hauptfigur lässt ihre Epoche schnell erraten. Im Mittelpunkt sieht man eine kuriose Szene: Offenbar wurde gerade ein schwarzes Tuch von der silbrigen Kugel gelüftet, und eine Angorakatze entdeckt darin ihr Spiegelbild oder das, was sie für einen Rivalen hält. Die Reaktion des Tieres fällt jedenfalls heftig aus. In der Kugel sehen wir das, was sich hinter uns befinden müsste. Eine Frau sitzt an einer Staffelei, aber noch zwei andere Personen bevölkern den kleinen Raum. Berühmte Gemälde der Vergangenheit kommen in den Sinn, so die sog. "Arnolfini-Hochzeit" des Jan van Eyck und sicher vor allem die "Meninas" des Diego Velázquez. Wir können davon ausgehen, dass die Schöpfer dieses Bildes jene Gemälde kannten. Als Autorin galt lange Zeit allein Marguerite Gérard. Sie war gleichzeitig Schwägerin und Schülerin von Jean-Honoré Fragonard. Im Louvre teilten sie ein Atelier. Ab 1785 war sie eine angesehene Genremalerin und neben Anne Vallayer-Coster und Elisabeth Vigée-Lebrun eine der drei führenden Künstlerinnen Frankreichs. Die Zusammenarbeit von Schwager und Schwägerin, Lehrer und Schülerin, hat die Kenner vor einige Rätsel gestellt. Pierre Rosenberg und Jean-Pierre Cuzin, ehem. Direktor bzw. Kurator am Louvre, haben sich darüber den Kopf zerbrochen: Wer malte welches Bild bzw. welchen Teil in gemeinsamen Arbeiten. Solche sind schon früh dokumentiert. Fragonard ist bekannter für einen lockereren Pinselstrich, Gérard mehr für ihre Anlehnung an die niederländische Feinmalerei. Diese Richtung prägt auch das vorliegende Gemälde, aber eindeutig nur Marguerite zugeschriebenen Bildern fehlt die Brillanz. Interessanterweise schließt Gérard hier auch an eben jene, jüngst erst "wiederentdeckten" holländischen Feinmaler um 1700 an, die das Wallraf noch unlängst (2006/07) in einer Sonderausstellung gezeigt und auch in seiner ständigen Sammlung durch rezente Neuerwerbungen (De Lairesse, Toorenvliet) gestärkt hat. "Die Angorakatze" ist stilistisch in die Jahre 1783-85 zu datieren. An Fragonard gemahnen Details wie das Seidenkleid ("Der Türriegel", Musée du Louvre, Paris) oder die Gesichtszüge des Mädchens ("Das Souvenir", Wallace Collection, London). Die Experten verweisen ebenfalls auf die Züge der Magd sowie die Katze und den Hund ("Das Geschenk", Eremitage, St. Petersburg). Die Hollandmode ist vor allem in der Ausstattung des Interieurs wiederzuerkennen. Das Gemälde im Hintergrund erinnert an Paulus Potter, und Teppiche auf dem Tisch sind ebenfalls typisch für die Niederlande. Das Kleid der jungen Dame gilt als Variation der "robe à l'Anglaise", die mit ihren altmodischen bauschigen Ärmeln nach 1780 nur noch auf der Bühne getragen wurde. Im Wallraf kann man das mit dem 2006 erworbenen Porträt der Madame de Soucarières von Nicolas de Largillierre (1656-1746) gut vergleichen (s. Abbildung rechts). Auch hier trägt das Modell ein Theaterkostüm, doch welch ein Wandel ist hier, nach etwa fünf Jahrzehnten zu konstatieren!

A. Blühm